Leistungsbilanz der Türkei
Wiedermal falsche Daten erhöhen Risiko

Mysteriöses Geld ohne Quelle, Rekordsummen bei Restposten – als ob das nachlassende Wirtschaftswachstum in der Türkei nicht schlimm genug wäre, müssen sich Investoren nun auch mit falschen offiziellen Daten rumschlagen.
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In den vergangenen zwei Jahren wurde das von der türkischen Zentralbank berichtete Leistungsbilanzdefizit fast jedes Mal in den Folgemonaten nach oben revidiert. Somit dürfte der Fehlbetrag, der bei den Anleihen im früheren Jahresverlauf eine Rally auslöste, wahrscheinlich in der Größenordnung von 902 Millionen Dollar – also neun Prozent – zu niedrig angesetzt worden sein, zeigen von der Nachrichtenagentur Bloomberg zusammengestellte Daten.

Die trügerischen Zahlen spielen für Investoren schon eine Rolle. Die Ratingagenturen Moody’s und Standard & Poor’s haben darauf hingewiesen, dass das Defizit in der Leistungsbilanz die Türkei für einen plötzlichen Abfall des Investoreninteresses anfälliger macht. Hinzu kommt, dass mehr als eine Woche nach den Parlamentswahlen noch immer nicht klar ist, welche Parteien die neue Regierung bilden werden.

„Die Revisionen unterstreichen lediglich das Problem mit dem türkischen Leistungsbilanzdefizit”, sagte William Jackson, Ökonom von Capital Economics in London. „Das macht die Wirtschaft und insbesondere die Lira verwundbar.”

Das Risiko eines Investments in der Türkei kann anhand der Renditen für Staatsanleihen abgelesen werden, die unter den großen Schwellenmärkten den dritthöchsten Stand aufweisen. Die Lira verlor derweil in diesem Jahr 15 Prozent zum Dollar und verzeichnete nach dem brasilianischen Real die schlechteste Entwicklung der 31 weltweit am meisten gehandelten Währungen.

Die abschließenden Korrekturen an den Leistungsbilanzdaten in den vergangenen 23 Monaten bis März ergeben ein Defizit, welches 3,4 Milliarden Dollar höher ausgefallen war als ursprünglich berichtet. Das Tempo der Revisionen beschleunigte sich in den letzten sechs Monaten: In dem Zeitraum wurde der Fehlbetrag um insgesamt 1,4 Milliarden Dollar nach oben angepasst.

Eine Ursache der unverlässlichen Daten könnten die Schwierigkeiten sein, Kapitalzuflüsse zu kategorisieren, während der Krieg in benachbarten Ländern etwa zwei Millionen Flüchtlinge in die Türkei treibt, meint Murat Gulkan, Portfoliomanager bei Unlu Portfolio Management in Istanbul. Die Zentralbank hat Gulkan zufolge auch die Einkünfte aus dem Tourismus überschätzt, die dann nach unten korrigiert werden und den Fehlbetrag ausweiten.

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