Libyen
Der Kampf mit dem Gaddafi-Trauma

Fast 42 Jahre lang herrschte Gaddafi wie ein König. Seine Launen waren Gesetz. Gegner ließ er gnadenlos verfolgen. Ein Jahr nach seinem grausamen Ende experimentieren die Libyer mit der Demokratie.
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Misrata/IstanbulAm 20. Oktober 2011 bombardiert die Nato in der libyschen Stadt Sirte einen Konvoi. Zu diesem Zeitpunkt wissen die Strategen des Nordatlantischen Bündnisses noch nicht, dass Muammar al-Gaddafi in einem der Fahrzeuge sitzt. So stellt es die Nato zumindest anschließend dar. Die Bombardierung setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die zum Tod des Diktators in dessen Heimatstadt Sirte führt. Mubarak Masud Abdel Sajjid (25) hockte damals zusammen mit Gaddafi in dessen letztem Versteck - einer Betonröhre.

Der Mechaniker und ehemalige Soldat sitzt heute in einem Behelfsgefängnis in der Stadt Misrata. An die Ereignisse vor einem Jahr erinnert er sich ungern. „Wir waren elf Leute (plus Gaddafi), vier von uns starben während des Angriffs, sieben wurden gefangen genommen“, sagt er. Der junge Mann, der wie Gaddafi aus Sirte stammt, erklärt, er habe noch gesehen, wie der Staatschef von einem Sprengsatz, den einer seiner Begleiter auf die Angreifer warf, am Kopf getroffen wurde. Dann wurde er von den Rebellen weggeführt.

Wann er als „Ungerechter des früheren Regimes“ vor Gericht gestellt werden soll, weiß Abdel Sajjid nicht. Er lebt in einer Haftanstalt in drangvoller Enge mit 719 anderen Häftlingen. Wie es draußen vor dem Gefängnistor aussieht, im „neuen Libyen“, weiß er nur vom Hörensagen. Seine Angehörigen, so sagt er, haben ihn bisher dreimal im Gefängnis besucht. „Mir gefällt es nicht, ist doch alles Scheiße, was da draußen läuft“, knurrt er.

Viele Libyer sind seit der Revolution im vergangenen Jahr aus dem Exil zurückgekehrt. Dass sie jetzt eine wichtige Rolle bei der Schaffung demokratischer Strukturen spielen, liegt unter anderem daran, dass sie im Ausland erlebt haben, wie Wahlen, Parteien und Gewaltenteilung funktionieren. Die Menschen in der alten Heimat kannten Demokratie höchstens aus dem Fernsehen. Denn Gaddafi hielt Parlamente, Parteien und unabhängige Behörden für überflüssig.

Einer der zurückgekehrten Exilanten ist der frühere Oppositionelle Ali Seidan. Der Menschenrechtler, der unter anderem im Irak und in Deutschland gelebt hat, ist vom Parlament beauftragt worden, eine neue Übergangsregierung zu bilden.

Dass die Rückkehrer jetzt den Ton angeben, kommt bei einigen Libyern aber nicht gut an. Sie fragen, „warum diejenigen, die gemütlich im Westen saßen, während wir hier gelitten haben, jetzt alle Posten besetzen“.

Ob das demokratische Experiment in Libyen ein Erfolg ist, steht ein Jahr nach dem Tod des Diktators noch nicht fest. Zwar lief die Parlamentswahl im Juli trotz aller Schwierigkeiten geradezu mustergültig ab. Doch in den kommenden Monaten müssen die Neu-Demokraten noch etliche Hürden nehmen.

Die schwierigste Aufgabe der Übergangsregierung wird es sein, für Sicherheit zu sorgen und die Macht der ehemaligen Revolutionsbrigaden einzudämmen. Einige der Milizen haben sich zwar bereits unter das Dach der Ministerien für Verteidigung und Inneres begeben. Doch viele Bürger fühlen sich von den selbstherrlichen bewaffneten jungen Männern belästigt, die sich nicht immer an die Weisungen des Ministeriums gebunden fühlen.

Dass die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) anlässlich des ersten Jahrestages des Todes von Gaddafi gefordert hat, die Rebellen aus Misrata zur Rechenschaft zu ziehen, die Gaddafi und seine Getreuen aufgespürt und getötet hatten, stößt bei vielen Libyern auf Unverständnis. Vor allem in Misrata, wo Gaddafis Leiche damals tagelang zur Schau gestellt worden war, ist man an einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit nicht interessiert.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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