Litauen wählt – und stimmt über ein Kraftwerk ab, das die EU abschalten will
Atomare Schatzkammer

Die Litauer entscheiden am 12. Oktober nicht nur über ein neues Parlament, sondern auch über das Schicksal eines Atomreaktors vom Tschernobyl-Typ. Mit dem Referendum wollen sie Druck auf die anderen EU-Länder ausüben.

Die Sonne lässt den langen Flur mit seinem hellblauen Linoleumboden in grellem Licht strahlen. Beide Seiten des über 300 Meter langen Gangs sind eine einzige große Fensterfront. Es ist heiß und stickig. Der Flur führt vom Verwaltungsgebäude zum Reaktorblock des litauischen Atomkraftwerks Ignalina. Das Kraftwerk ist das letzte vom Tschernobyl-Typ in Europa. In den frühen 80er-Jahren gebaut, gilt es mittlerweile als genauso veraltet und störanfällig wie der Reaktor in der Ukraine, der 1986 brannte und Millionen Quadratkilometer in ganz Europa radioaktiv verseuchte. Deshalb soll Litauen den letzten Reaktor von Ignalina Ende 2009 abschalten. Dazu hatte sich das Land 2004 beim EU-Beitritt vertraglich verpflichtet. "Das Sicherheitsrisiko wird sonst zu hoch", sagt EU-Kommissionssprecher Ferran Taradellas-Espuny.

Aber in Vilnius will sich niemand mehr an diese Abmachung erinnern. Am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt, und die Forderung nach einer Laufzeitverlängerung in Ignalina verspricht Wählerstimmen. "Ohne das Kraftwerk werden wir völlig von Energielieferungen aus Russland abhängig", sagt Wirtschaftsminister Vytas Navickas. "Das müssen wir verhindern."

Die Liberalen wollen nun das Volk entscheiden lassen und haben parallel zur Parlamentswahl ein Referendum über das Schicksal von Ignalina angesetzt. Sie versprechen sich davon, die anderen EU-Staaten von der Notwendigkeit des Kraftwerks zu überzeugen. "Auch Brüssel kann den Willen der Bürger nicht einfach ignorieren", sagt Eligijus Masiulis, Fraktionschef der Liberalen. Laut Umfragen werden über 70 Prozent der Litauer dafür stimmen, dass Ignalina am Netz bleibt.

Am Eingang zum Reaktorblock stehen zwei Sicherheitsleute, die die Arbeitskleidung der Angestellten kontrollieren. Keiner darf hier in seinen normalen Klamotten rein. "Die weiße Leinenkleidung wird jedes Mal gewechselt, wenn wir den Reaktor verlassen. Die Gefahr, dass wir sonst radioaktive Partikel mit nach draußen nehmen, ist zu groß", sagt Brigita Dauniene. Sie ist eigentlich Übersetzerin, führt aber mittlerweile auch Besuchergruppen durch das Kraftwerk. Auch sie hat sich ganz in Weiß gehüllt, trägt Handschuhe und einen Arbeitshelm.

Sie ist stolz auf ihr Ignalina, schließlich produziert die Anlage 70 Prozent des gesamten Strombedarfs in Litauen. "Das Kraftwerk ist unsere Schatzkammer. Auch wenn es veraltet ist, dürfen wir nicht einfach gezwungen werden, es zu schließen", sagt die stämmige Frau und drückt eine Tür auf. Dahinter liegt das Herz des Reaktors. Unter kleinen, bunten Metallplatten findet hier die Kernspaltung statt. Kein Lärm ist zu hören, keine Arbeiter sind zu sehen. "Hier funktioniert alles automatisch. Es wäre viel zu gefährlich, sich hier drin länger aufzuhalten", sagt Dauniene.

Nur rund 1 200 Kilometer sind es von Ignalina nach Deutschland. Das Kraftwerk liegt damit wesentlich näher als der Katastrophen-Reaktor von Tschernobyl. Deshalb sorgt sich auch die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland um Ignalina. "Eine Verlängerung wäre eine absolute Katastrophe", sagt Udo Buchholz von der Anti-Atomkraft-Bewegung in Nordrhein-Westfalen. "Wir erinnern uns noch an die Folgen von Tschernobyl: Unser Gemüse war verseucht, die Kinder durften nicht mehr draußen spielen. All das würde uns auch drohen, wenn in Ignalina etwas passieren würde."

Buchholz versucht, Kontakt zu möglichen Mitstreitern in Litauen aufzunehmen. Aber das ist nicht einfach. Denn in Vilnius will von den Gefahren der Atomkraft kaum einer etwas wissen. "In Litauen gegen Atomkraft zu sein, bedeutet, gegen die Nation zu sein. Das traut sich kaum einer", sagt Rimantas Braziulis von der litauischen Grünen-Bewegung.

Wirtschaftsminister Navickas verhandelt zurzeit ständig in Brüssel über eine mögliche Verlängerung. Doch die EU-Kommission lässt sich davon bisher nicht beeindrucken: "Die Litauer haben sich vertraglich verpflichtet, Ignalina Ende 2009 abzuschalten. Das ist internationales Recht und muss respektiert werden", sagt Taradellas-Espuny, der Sprecher des EU-Energiekommissars. Die Litauer hätten lange genug Zeit gehabt, alternative Energiequellen aufzubauen. Außerdem habe die EU bereits rund eine Mrd. Euro an das Land gezahlt, um die Folgen des Abschaltens aufzufangen.

Die Arbeiter im Kraftwerk wollen diese Argumente nicht gelten lassen. Kaum einer versteht hier, warum Ignalina vom Netz genommen werden soll. Und viele denken, was einer der Arbeiter ausspricht: "Die EU will Ignalina nur abschalten, weil wir hier so billig Strom produzieren können. Die anderen Staaten wollen einfach nur diese Konkurrenz kaputt machen."

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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