Manager beklagen Paria-Status
Unternehmen machen Bogen um Pakistan

Pakistan macht seit jeher Unternehmern das Leben schwer. Neben der Korruption treibt nun auch der wachsende Terrorismus im Lande die Wirtschaft in die Isolation und sorgt für einen Einbruch ausländischer Direktinvestitionen. Extrem vorsichtig geworden sind auch deutschen Firmen wie Siemens, die in Pakistan Geschäfte machen.

LAHORE. Tapfer hat Osman Khalid Waheed all den Widrigkeiten getrotzt, die ihm die zwei Jahre seit Baubeginn der neuen Fabrik zur Hölle machten. Den unfähigen Behörden, die bis heute das Werk nicht an das Stromnetz angeschlossen haben. Dem Zoll, der monatelang wichtige Produktionsanlagen beschlagnahmte. Der allgegenwärtigen Korruption. Inzwischen ist die Fabrik, Pakistans erste Fertigungsstätte für Biotechnologie-Medikamente, startklar für den Betrieb. Waheed, 38, studiert in Harvard, Spross einer angesehenen Unternehmerfamilie, könnte sich auf die Schulter klopfen. Doch stattdessen treibt ihn die Sorge um, dass das ehrgeizige Projekt der Spirale aus Chaos und Gewalt in Pakistan zum Opfer fällt.

Ein heruntergewirtschafteter Staat macht seit jeher Unternehmern das Leben schwer. Jetzt aber kommt auch noch die Geißel des wachsenden Terrorismus hinzu. Die Angst vor Bombenanschlägen und Entführungen, der ruinierte Ruf Pakistans als Hochburg der Taliban, hat die Wirtschaft in die Isolation getrieben. Erst vergangene Woche sprengten Selbstmordattentäter wieder ein Fünf-Sterne-Hotel in die Luft. Die Bilanz: 18 Tote und 64 Verletzte. „Es kommen keine ausländischen Geschäftspartner mehr“, sagt Waheed. Entweder die Firmen schickten wegen der Sicherheitsbedenken von sich aus niemand nach Pakistan oder die Versicherungen stellten sich quer.

Für Waheeds Unternehmen, den Generikahersteller Ferozsons, hat das dramatische Folgen. Das neue, höchste Qualitätsstandards erfüllende Werk, sollte Medikamente unter anderem für den Export in die USA und die EU produzieren. Doch Waheed bekommt die erforderlichen Zulassungen der amerikanischen und europäischen Arzneimittelbehörden nicht, weil deren Experten nicht mehr nach Pakistan zur Werksbesichtigung reisen dürfen. Sogar eine Delegation aus der Elfenbeinküste habe jüngst einen geplanten Besuch wieder abgesagt. „Ich dachte immer, Afrika gelte als unsicher“, sagt der Pharmaunternehmer frustriert. „Aber Pakistan ist noch viel schlimmer“. Bei Auslandsreisen bekommen die Ferozsons-Manager den Paria-Status ihres Landes ebenfalls zu spüren. Ein Visumsantrag für die EU benötige mittlerweile zwei bis drei Monate, erzählt Waheed. „Wer aus Pakistan kommt, der gilt offenbar erst einmal als Terrorist.“

Extrem vorsichtig geworden sind auch die deutschen Firmen, die in Pakistan Geschäfte machen, Siemens zum Beispiel, stark vertreten im Kraftwerksbau, prüft jeden Auftrag mit Argusaugen. Wenn deutsche Experten entsandt werden müssten, dann lasse die Zentrale in Erlangen neuerdings lieber mal ein Geschäft sausen, berichtet ein Siemens-Manager. Bei Lufthansa Cargo protestierten Crewmitglieder über die Wiederaufnahme der pakistanischen Wirtschaftsmetropole Karatschi in den Flugplan.

Wie dramatisch der Vertrauensverlust in Pakistan ist, zeigt beispielhaft der Rückgang ausländischer Direktinvestitionen. Sie brachen 2008 um fast 40 Prozent auf nur noch 3,6 Mrd. Euro ein. Eine Erholung ist nicht in Sicht. Nach einer kurzen Boomphase bis Ende 2007 hat die Krise das Land voll erfasst. Die Inflationsrate beträgt aktuell 17 Prozent, trotzdem sinkt der Export, ebenso die Industrieproduktion. Die Regierung korrigierte das Wirtschaftswachstum für das Fiskaljahr 2009 auf magere zwei Prozent nach unten, im Vorjahr war es noch dreimal so hoch. Ein Drittel der 162 Mio. Pakistaner lebt nach Angaben der Weltbank von weniger als einem Euro am Tag. Um ihnen Jobs und Lebensperspektive zu verschaffen, reicht dieses Wachstum bei weitem nicht.

Doch der sieche Staatsapparat lähmt jede Unternehmerinitiative. Ohne „Parchi“, das „Empfehlungsschreiben“ eines hohen Politikers oder Beamten gegen Schmiergeld, gibt es keine Gewerbeerlaubnis, keine Aufträge, keine Exportlizenz. Die Korruption habe das gesamte Wirtschaftsleben infiziert, beobachtet Salahud Din Ahmed, Chef des IT-Unternehmens Universal Business Equipment in Karatschi und Präsident des Deutsch-pakistanischen Wirtschaftsforums. „Früher hat das einen Mittelständler ein Prozent seines Umsatzes gekostet, heute sind es mindestens fünfzehn“, erzählt der Manager. Der tägliche Kampf mit einer vernachlässigten Infrastruktur tut ein Übriges, um die Frustration auf die Spitze zu treiben. Stromausfälle von zehn Stunden und mehr sind keine Seltenheit. Viele Unternehmer würden deshalb ihr Geld lieber ins Ausland bringen als es in Pakistan zu investieren, sagt Ahmed. Die Milliarden, die das Land so dringend braucht, sind nach Dubai in den Immobilienboom geflossen.

Waheed hat trotzdem geglaubt, dass sein Land als Biotech-Standort eine Zukunft hat. Er ist ein hohes Risiko eingegangen. Acht Mio. Dollar hat er in die neue Fabrik gesteckt, das ist die Hälfte von Ferozsons’ Jahresumsatz. Weitere zwei Mio. kommen von einem argentinischen Pharmahersteller. Doch jetzt haben ihn die Zweifel gepackt. Er liebe sein Land, sagt Waheed, an Pakistan hänge sein Herz. „Aber wenn Sie mich heute fragen, ob Sie hier investieren sollen, dann ist die klare Antwort: nein.“

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