Matteo Renzi
Italiens „Verschrotter“

Weniger Kommunismus, weniger Parteikader: Matteo Renzi gewinnt die Vorwahlen der italienischen Linkspartei PD. Er steht für Erneuerung. Vor allem aber ist er ein Charismatiker, den sogar Silvio Berlusconi fürchtet.
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MailandSeit dieser Woche hat auch die Linkspartei in Italien, Partito Democratico (PD), ihren Charismatiker: Matteo Renzi, der 38-jährige Bürgermeister von Florenz, hat die Vorwahlen seiner Partei gewonnen. 2,5 Millionen Italiener haben am Sonntag in den Wahlzelten in ganz Italien ihre Stimme abgegeben und mit mehr als zwei Dritteln jenen Kandidat zum neuen Parteisekretär gewählt, der mit der Vergangenheit brechen will. Er will das Arbeitsrecht reformieren, Steuern senken und politische Privilegien abschaffen. „Die Bürger haben klar gesprochen. Sie fordern Veränderung“ sagte er nach dem Sieg. Seit Sonntagabend wird es schwieriger werden für alle jene, die Zeit schinden wollen, die Monate mit Taktieren verbringen.

Der „Verschrotter“ ist der Spitzname Matteo Renzis. Schließlich hat er schon vor zwei Jahren die Verschrottung der alten Parteikader gefordert und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Die amtierenden Mächtigen nutzten das Wort „Stabilität als Ausrede für ihre eigene Immobilität“, sagte Renzi. Renzi steht für eine neue PD, die weniger an ihrer kommunistischen oder postkommunistischen Vergangenheit hängt und stärker Realpolitik betreibt.

Aber vor allem ist Renzi ein Charismatiker. Mit dem für die Toskaner typischen Humor reißt er auch mal einen Witz oder tritt in Lederjacke in der Talentshow „Amici“ im Fernsehen auf. Sein Kommunikationstalent stößt in der eigenen Partei auch auf Kritik, bei seinen Widersachern auf Sorge und Bewunderung. Silvio Berlusconi gehörte am Sonntag Abend zu den ersten Gratulanten.

Berlusconi hatte schon vor den vergangenen Wahlen Anfang 2013 gesagt, dass er gegen Renzi nicht angetreten wäre, weil er ihn als Wahlkämpfer zu sehr fürchtete. Damals hatten aber die PD-internen Vorwahlen Pier Luigi Bersani zum Kandidaten gekrönt. Gegen ihn konnte sich Berlusconi gut behaupten.

Bei den nächsten Wahlen wird nun Renzi auf der Liste stehen, auch wenn noch nicht klar steht, wann und mit welchem Wahlrecht diese stattfinden werden. Bisher führt Enrico Letta die Regierungskoalition in Rom. Doch Letta war nur der Kompromisskandidat, um eine Große Koalition mit Berlusconis Partei einzugehen. Es gilt jedoch als sicher, dass diese Koalition, aus der sich Berlusconi bereits mit seiner wieder gegründeten Forza Italia verabschiedet hat nicht bis zum Ende der Legislaturperiode 2018 hält. Es kann gut sein, dass schon in einem Jahr wieder gewählt wird, sollte die Regierung scheitern.

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  • >>Statt der bestehenden 2146 Artikel sollten seiner Ansicht nach 50 bis 70 reichen. Den Arbeitslosen, für die es in Italien keine garantierte Absicherung wie Hartz IV existiert, <<

    In Deutschland ist Hartz IV ja für die Bevölkerung ganz Europas, ja der ganzen Welt garantiert. Ein Asylantrag genügt, und ein analphabetischer Wirtschaftsflüchtling bekommt das gleiche Geld wie ein Deutscher, der 30 Jahre gearbeitet hat.

    Auch EU-Einwanderer haben Anspruch auf Harzt IV - und Kindergeld.

    Das erklärt auch warum das Binnenland Deutschland ein deutliche höheres Asylantenzustrom verzeichnet als das Grenzland Italien.

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