Mehr als 400 Tote
Muslimbrüder kündigen weitere Proteste an

Mehr als 400 Tote und rund 3000 Verletzte: Ägypten versinkt in Gewalt. Eine Lösung am Verhandlungstisch rückt in weite Ferne. Nobelpreisträger ElBaradei zieht sich geschockt aus der Regierung zurück.
  • 19

KairoDie Muslimbrüder geben sich im Machtkampf mit dem ägyptischen Militär trotz dessen gewaltsamen Vorgehens gegen die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi nicht geschlagen. Die Mursi nahestehende Bewegung werde nicht ruhen, bis „der Militärputsch“ der Vergangenheit angehöre, erklärte ein Sprecher am Donnerstag über den Kurznachrichtendienst Twitter. Er betonte, dass die Muslimbrüder dabei „stets gewaltfrei und friedlich" vorgehen würden. „Wir bleiben stark, aufsässig und entschlossen."

In der Nacht hatten immer wieder Aufständische die von der Regierung verordnete Ausgangssperre gebrochen. Das ägyptische Nachrichtenportal „youm7“ berichtete am Donnerstag, die Sicherheitskräfte befürchteten dann „eine neue Welle der Gewalt“, wenn die Islamisten an diesem Freitag erneut demonstrieren wollten.

Am Mittwoch waren bei Kämpfen rund um die Räumung islamistischer Protestlager in Kairo landesweit mindestens 421 Menschen ums Leben gekommen, wie die ägyptische Regierung am Donnerstag bekanntgab. Rund 3000 Menschen seien verletzt worden, berichteten arabische Medien am späten Abend. Die islamistische Muslimbruderschaft sprach von 2000 Getöteten. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei legte Nobelpreisträger Mohammed ElBaradei sein Amt als Vizepräsident nieder. Er wolle für „keinen einzigen Tropfen Blut verantwortlich sein“, sagte er.

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt aufs Schärfste. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich äußerst besorgt, im Auswärtigen Amt trat der Krisenstab zusammen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat wegen der Zuspitzung der Lage in Ägypten eine Sitzung des Weltsicherheitsrates gefordert. Den ägyptischen Sicherheitskräften warf er am Donnerstag erneut vor, beim gewaltsamen Vorgehen gegen Protestlager der Muslimbrüder in Kairo Massaker begangen zu haben.

„Wenn der Westen nun keine entschiedenen Schritte unternimmt, wird die Demokratie weltweit in Frage gestellt“, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu den islamisch-konservativen Politiker. Wer schweige und gleichgültig bleibe, mache sich mitschuldig, sagte er.

Die Polizei setzte bei der gewaltsamen Räumung der beiden Protestlager der Anhänger des vom Militär entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi zunächst Tränengas ein. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen. Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Die Ärzte und Helfer im dort notdürftig eingerichteten Feldspital waren völlig überfordert. Augenzeugen beschrieben in lokalen Medien eindrücklich den massiven Einsatz von scharfer Munition, den die Sicherheitskräfte verneinten. In den Wochen seit dem Sturz Mursis waren bereits über 250 Todesopfer gezählt worden. Ein britischer Journalist wurde erschossen.

Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand. Dieser gelte im ganzen Land ab 16 Uhr für einen Monat, hieß es in einer im Fernsehen verbreiteten Erklärung des Präsidenten. Die Armee wurde aufgefordert, das Innenministerium bei der Wiederherstellung der Sicherheit zu unterstützen. Über die Millionenstadt Kairo und zehn weitere Provinzen wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Ägyptens Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Mittwochabend im Staatsfernsehen, die Räumung der Camps sei alternativlos gewesen. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Er dankte der Polizei für ihr zurückhaltendes Vorgehen in Kairo.

Ein vermeintlicher Hoffnungsträger der Demokraten hat bereits Konsequenzen gezogen: Nobelpreisträger Mohammed ElBaradei hat sein Amt als Vizepräsident niedergelegt. „Ich habe meinen Rücktritt eingereicht, weil ich nicht die Verantwortung für Entscheidungen, mit denen ich nicht einverstanden bin, tragen kann“, sagte er laut einem Bericht des Nachrichtensenders Al-Arabija. Es seien noch nicht alle friedlichen Alternativen ausgeschöpft gewesen, erklärte ElBaradei. „Bedauerlicherweise werden diejenigen, die zu Gewalt und Terror aufrufen, von dem, was heute geschehen ist, profitieren“, heißt es in dem Rücktrittsschreiben ElBaradeis an Übergangspräsident Adli Mansur, das vom staatlichen Nachrichtenportal Al-Ahram veröffentlicht wurde.

Angesichts der eskalierenden Gewalt und des Rücktritts von ElBaradei fordert die SPD eine scharfe Reaktion der EU. „Alle europäischen Regierungen sollten in einer gemeinsamen Aktion die ägyptischen Botschafter einbestellen und gleichlautend protestieren“, sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, Handelsblatt Online. Die Bundesregierung müsse alles für ein gemeinsames Vorgehen in der Europäischen Union tun, sagte Mützenich weiter. „Sie wäre gut beraten, allein der hohen Beauftragten, Lady Ashton, den Spielraum für Kontakte zu allen Kräften in Ägypten zu geben. Wie wir gesehen haben, ist sie eine der Politikerinnen, die scheinbar noch Vertrauen bei allen ägyptischen Akteuren besitzt.“

Kommentare zu " Mehr als 400 Tote: Muslimbrüder kündigen weitere Proteste an"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Mein lieber Islamist
    "Das Mass aller Dinge ist der Mensch, der Seienden, dass sie sind und der Nichtseienden, dass sie nicht sind!" (Protagoras)
    ...wenn Sie nachvollziehen können, was Ihnen diese Weisheit sagen will.

  • Nur Naivlinge meinen, dass Todesopfer in dieser Dimension ein einem aktuellen Konflikt einzeln gezählt würden. Wer den CNN-Bericht auf YouTube sah, der wurde vom interviewten Arzt informiert dass es sich um ein 7-stöckiges Spital handelte, in dem in den ersten 3 oder 4 Stockwerken, jeder Raum mit Leichen gefüllt war. Es ist anzunehmen dass der Arzt in der Lage war aus seinen Erfahrungen der Raumanzahl, der Größe des Gebäudes und der "Belegung" (aufeinander getürmte Leichen)auf die Gesamtzahl der Opfer hochzurechnen. Manche Dümmlinge hier im Forum sollten sich eher der Stimme enthalten. Meinen Sie nicht auch Herr Stoiber? Die 3300 waren ein Tippfehler, es waren die 3500 (fast schon egal - außer für einen kleingeistigen Tiefflieger). Der CNN Bericht liefert diese Anzahl an Opfern - nicht ich.

  • Jaja, alles "geplant"... War ja auch gleich alles chic nach der französischen Revolution 1789. Kein Wohlfahrtsausschuß, keine Massenhinrichtungen, da könnte man ja auch sagen die Demokratie paßt nicht in westliche Länder. Aber Hauptsache es kann von irgendwelchen "Plänen" schwadroniert werden. Sind ihre "Kommentare" teil des Plans?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%