Michel Barnier
„Banker sind keine Wohltäter“

Schattenbanken sind die „große Bedrohung für die Finanzstabilität“, warnt EU-Kommissar Michel Barnier im Interview. Er erklärt, wie er mit einer strikten Regulierung die Risiken des Schattensektors eindämmen will.
  • 3

Handelsblatt: Herr Kommissar, die Finanzmarktregeln werden strenger, doch die Finanzmarktakteure auch erfinderischer, um sie zu umgehen. So ist eine neue Grauzone entstanden, die Schattenbanken – Grund zur Sorge?

Michel Barnier: Auf jeden Fall. Es muss uns alarmieren, dass sich die Transaktionen der Schattenbanken zwischen 2002 und 2010 mehr als verdoppelt haben. Das entspricht einem Anteil von 25 bis 30 Prozent des Finanzmarktes.

Seitdem ist dieser Sektor aber wieder deutlich geschrumpft.

Richtig, weltweit sind die Aktivitäten der Schattenbanken zurückgegangen. Aber in Europa haben sie seit 2010 weiter zugelegt.

Bedeutet das etwa, dass nur vier Jahre nach der Finanzkrise wieder ein Drittel des Finanzmarktes unreguliert ist?

Nein. Einige EU-Finanzmarktgesetze erfassen bereits jetzt die Schattenbanken. Die EU-Eigenkapitalanforderungen für Banken enthalten Vorschriften für Verbriefungen. Auch die Mifid-Richtlinie für Finanzinstrumente enthält einige Regeln, die für Schattenbanken relevant sein. Außerdem gibt es einen EU-Rechtsrahmen für Hedge-Fonds, die AIFM-Richtlinie. Doch das reicht nicht. Wir müssen mehr tun, um die Schattenbanken zu regulieren, und die EU will dabei Vorreiter sein.

Schattenbanken – was ist das überhaupt?

Dazu gehören zum Beispiel Zweckgesellschaften, die Kredite vermitteln, Geldmarktfonds, Investitionsfonds, Hedge-Fonds, Versicherungsunternehmen und auch Finanzmarktakteure, die Verbriefung, Repo-Geschäfte oder Konsumentenkredite anbieten. Ich will diese Aktivitäten nicht verbieten, sie befördern ja die Liquidität der Märkte und sind daher nützlich. Wir müssen aber wissen, wer da was macht, und es muss auch für diesen Bereich der Märkte Regeln geben.

Hat die EU-Kommission eigene Daten über diese neue Grauzone gesammelt?

Wir stehen hier erst ganz am Anfang. Das Financial Stability Board hat fünf Arbeitsgruppen gegründet. Sie sollen die verschiedenen Schattenbanken ausleuchten. Hier arbeiten wir aktiv mit.

Das FSB arbeitet auf globaler Ebene. Was wollen Sie in Europa tun?

Wir starten eine Befragung bei Regierungen, Banken und anderen Finanzmarktteilnehmern, die bis zum 1. Juni läuft. Danach werden wir entscheiden, ob wir zum Beispiel die Eigenkapital- oder die Mifid-Richtlinie ergänzen müssen. Es kann auch sein, dass wir einen ganz neuen Gesetzentwurf zu den Schattenbanken vorlegen.

In welcher Beziehung stehen die Banken zu den Schattenbanken?

Manche Banken weichen auf Schattenbanken aus, um die EU-Finanzmarktvorschriften zu umgehen. Sie nutzen zum Beispiel Zweckgesellschaften für das Laufzeitmanagement ihrer Wertpapier-Anlagen. Das bedeutet: Eine Bank, die den EU-Finanzmarktvorschriften unterliegt, weicht aus in einen nicht regulierten Bereich.

Ist so ein Geschäftsgebaren nicht verantwortungslos?

Es gibt durchaus Finanzmarktakteure, die wir kritisch sehen. Es ist aber nicht illegal, in einen unregulierten Bereich auszuweichen. Banktätigkeit ist keine Wohltätigkeit. Die Berufung der Banken besteht darin, Gewinne zu machen. Die Rolle der Politik besteht darin, Lücken in der Regulierung zu schließen.

Seite 1:

„Banker sind keine Wohltäter“

Seite 2:

Europäischer Abwicklungsfond nicht mehrheitsfähig

Kommentare zu " Michel Barnier: „Banker sind keine Wohltäter“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Es gibt durchaus Finanzmarktakteure, die wir kritisch sehen. Es ist aber nicht illegal, in einen unregulierten Banktätigkeit ist keine Wohltätigkeit. Die Berufung der Banken besteht darin, Gewinne zu machen.

    Ach je, wie beeindruckend Herr Barnier.
    Natürlich sind Banken keine Wohltäter, aber sie erwarten wie selbstverständlich das wir alle ihre Wohltäter sind und für ihre Ramschpapiere und Spekulationsschulden zahlen dürfen bis zum get no!!
    Wir sind diejenigen die Steuern zahlen womit die Verbrechebande am Leben gehalten wird. Und sie selbst sind einer der von unseren Steuern bezahlt wird.
    Deshalb soo43axgllten sie einmal darüber nachdenken, der welcher die Musik bezahlt auch bestimmt was gespielt wird. Da sie das bis dato nicht annäherd tun bzw. tun wollen, müssen sie eben irgendwann mit Konsequenzen rechnen.

  • Warum, die Banker machen auch nur Ihre Arbeit, und das sehr gut.
    Ohnen Banken gebe es keine Kredit und sonstiges.

    Andere Leute beschimpfen nur die Banken, ihre Nagestellten und die Vorstandsvorsitzenden.
    Weil Sie auf die neidisch sind.

    Ich beschäftige mich mit der ganzen Weltmarktwirtschaftseit ich 14 Jahre alt bin, und ich weiß von was ich rede.

    Also lasst die Banken ihre arbeit machen.

  • EU Sowjet-Kommissare sind auch keine Wohltäter.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%