Mir-Hossein Mussawi
Irans Ghandi predigt die Kraft der Zurückhaltung

Einst war Mir-Hossein Mussawi ein Schützling von Ajatollah Chomeini. Wie damals der Führer der islamischen Revolution im Iran Ende der siebziger Jahre ist Mussawi heute die große Hoffnung der Opposition. Aber auch wenn sich der „Gandhi des Irans“ gegen seine Konkurrenten Ali Chamenei und Mahmud Ahmadinedschad durchsetzen sollte bleibt offen, ob und in welchem Maße er das Land öffnen wird.

DUBAI. Mit den Hunderttausenden Demonstranten bewegt sich ein unauffälliger grauhaariger Mann zum Imam-Chomeini-Platz im Zentrum von Teheran. Wie die meisten anderen trägt er schwarze Kleidung, als Zeichen der Trauer um die getöteten Mitglieder der Opposition. Ernst bewegt er sich im Pulk. Keine kämpferischen Reden, keine hochgereckten Arme. „Ruhe bewahren, jegliche Eskalation vermeiden“, lautet die Devise von Mir-Hossein Mussawi.

Der 67-Jährige ist die Galionsfigur der Opposition, viele nennen ihn den „Gandhi des Irans“. Tatsächlich erinnert der Protestzug an Aktionen des indischen Widerstandskämpfers, der Gewaltlosigkeit zum obersten Gebot erhoben hatte. Auch um Mussawi herum protestieren Studenten, Unternehmer, Arbeiter, Frauen im Tschador, dem traditionellen schwarzen Umhang. Doch für einen Revoluzzer hat Mussawi, der früher mal Premier war, eine ungewöhnliche Biographie.

In den Wochen vor der Präsidentschaftswahl hatten sich vor allem Studenten und Schüler um Mussawi geschart. Jeden Tag zogen Millionen durch die Straßen – eine Mischung aus Pop-Konzert und Fußball-Weltmeisterschaft. Auch Mitglieder des Bildungsbürgertums waren dabei. Sie forderten ungehinderten Zugang zu Medien, Meinungs- und Redefreiheit sowie eine vorsichtige Öffnung gegenüber Europa und Amerika. Von einem radikalen Bruch mit der islamischen Republik sprach da niemand.

Doch seit das Innenministerium am Samstag das Wahlergebnis mit einem Sieg für Präsident Mahmud Ahmadinedschad bekannt gab, änderte sich die Stimmung schlagartig: Auf den Schock folgten blanke Wut und finstere Entschlossenheit. In den letzten Tagen nahmen Angehörige aller sozialen Schichten an den Demonstrationen teil. Mit der vom Wächterrat, dem obersten religiösen Gremium, angebotenen Neu-Auszählung der Stimmen geben sie sich nicht zufrieden. Sie wittern Wahlfälschung und wollen Neuwahlen.

Mussawi wurde erst vor wenigen Monaten zur Galionsfigur der iranischen Opposition. Mitte März kündigte er überraschend an, gegen Ahmadinedschad anzutreten. Daraufhin zog der Geistliche und liberale Ex-Präsident Mohammed Chatami, bis dahin der Liebling der Jugendlichen, seine Kandidatur zurück.

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