„Morgens gelogen, abends gelogen“
Ungarns Premier übt bizarrre Selbstkritik

Der ungarische Wähler reibt sich verwundert die Augen: Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat hinter verschlossenen Türen Tacheles geredet und schonungslos Selbstkritik geübt. Die 25-Minuten-Philippika landete - auf einer Tonbandkassette aufgezeichnet - beim ungarischen Rundfunk, der sie am Sonntag ausstrahlte.

HB BUDAPEST. Gyurcsany hatte in einer geschlossenen Sitzung der Fraktion seiner Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP) im Mai zugegeben, dass seine Regierung vor der Parlamentswahl im April massiv gelogen hat, um sich den Wahlsieg zu sichern. „Wir haben morgens gelogen, wir haben abends gelogen. Offensichtlich haben wir in den letzten anderthalb bis zwei Jahren nur gelogen“, sagte Gyurcsany.

Der Ministerpräsident, einer der reichsten Männer des Landes, verteidigte in der Rede mit drastischen Worten anstehende Reformvorhaben. „Wir haben kaum eine andere Wahl“, sagte er. „Deshalb, weil wir es verbockt haben. ... Und in den vier Jahren haben wir übrigens nichts getan. Ich kann keine Regierungsmaßnahme nennen, auf die wir stolz sein könnten.“ Im Juni hatte Gyurcsany ein Sparprogramm zur Eindämmung des Haushaltsdefizits, im Sommer Schritte zur Reform des Hochschulunterrichts und des Gesundheitswesens verkündet.

Nach Bekanntwerden der Äußerungen versammelten sich am späten Sonntagabend rund 3 000 Anhänger der rechten Opposition in Budapest vor dem Parlamentsgebäude und forderten den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Der unterstrich jedoch in mehreren Fernsehinterviews, dass er zu seiner Rede stehe und nicht zurückzutreten gedenke.

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