Muslimische Welt distanziert sich von den Geiselnehmern
Ungewohnte Selbstkritik

Es war der ägyptischen Zeitung „El Ahram“ vorbehalten, die schonungsloseste Selbstkritik am Geiseldrama in Beslan zu üben. Dort hieß es, die Bilder toter und verletzter Schüler „zeigten Muslime als Monster, die sich vom Blut von Kindern ernähren“. Dann kommt der prominente ägyptische Islamist Ahmed Bahgat zu Wort, der die Folgen für das Ansehen des Islams beklagt.

BERLIN. Selbst die Feinde des Islams hätten keinen so großen Schaden anrichten können, „wie es die Söhne des Islams getan haben durch ihre Dummheit, ihre Fehleinschätzungen und ihre falsche Auffassung von der Natur dieses Zeitalters“, urteilt der Ägypter. Mit dieser Selbstkritik, wie sie die islamische Welt bislang kaum kannte, steht er nicht alleine.

Abdulrahman el Raschid, Intendant des Fernsehsenders El Arabija, legt in seinem Kommentar für „Asharq el-Awsat“, einer in London erscheinenden Zeitung, noch nach. „Unsere terroristischen Söhne sind ein Endprodukt unserer korrupten Kultur", schreibt el Raschid. Die meisten Selbstmordanschläge der letzten zehn Jahre seien von Muslimen verübt worden. „Das Bild ist für uns alle beschämend, schmerzhaft und hart“.

Es ist das schiere Ausmaß der Tragödie, das diese neue Selbstreflexion auslöst. Kaum jemand mag als Verteidiger der Geiselnahmen von Kindern dastehen – auch wenn nicht jeder so deutlich in die Selbstkritik einstimmt. So bemerkte Mohammad Mahdi Akef, der Chef der größten ägyptischen islamistischen Gruppe, der Moslem-Bruderschaft, dass sich die Geiselnahme „nicht ins islamische Konzept des Dschihad“ füge. Richtige Dschihadis, die den „Heiligen Krieg“ führten, sollten die Besatzer zum Ziel ihrer Aktionen haben, wie dies bei Palästinensern oder Iraker der Fall sei. Als Terroristen mag er die Geiselnehmer von Beslan dennoch nicht brandmarken.

Auf diese eher theologische Definition zieht sich auch Ali Abdullah zurück, der die Geiselnahme als „unislamisch“ bezeichnet. Allerdings kann sich der Geistliche aus Bahrein, der den streng konservativen Salafiten angehört, nicht dem anti-israelischen Reflex entziehen. „Ich habe keinen Zweifel, dass dies das Werk Israels ist, das das Ansehen der Mosleme zerstören will“.

Die Reaktionen zeigen die Mühe in der arabischen Welt, mit dem Tschetschenienkonflikt umzugehen. Der Kaukasus passte noch nie in die üblichen Konfliktmuster, die aus Nahost bekannt sind. Zu sehr war Tschetschenien ein Regionalkonflikt, geführt von Widerständlern, die auf ihre eigene Unabhängigkeit bedacht waren. Als 1996, nach dem vorübergehenden Friedensschluss mit Moskau, Tschetschenien begrenzte Freiheiten besaß, blieb eine breite Solidarisierung im arabischen Raum aus. „Das hat die tschetschenische Führung enttäuscht“, sagt Ekkehard Maass von der Deutsch-Kaukasischen-Gesellschaft in Berlin: „Die hatten auf mehr Gelder aus dem arabischen Raum gehofft“. Doch von dort flossen Gelder nur an radikale Islamisten, nicht an die Unabhängigkeitskämpfer um Tschetscheniens Ex-Präsidenten Aslan Maschadow.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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