Mustafa Kemal Atatürk
Personenkult außer Kontrolle

„Unser Vater, unser Führer“: Keiner wird von den Türken so verehrt wie Atatürk. Und niemand kommt am Kult um ihn vorbei, er ist in der Türkei allgegenwärtig. Doch warum nur? Denn seine Person ist durchaus umstritten.

Düsseldorf/IstanbulMan könnte auf die Idee kommen, dass dieses strahlende Babyblau in Mustafa Kemal Atatürks Augen auf den meisten Fotos ordentlich nachbearbeitet wurde. So wässrig-hell und leuchtend sähe diese Farbe selbst beim blondesten Schweden noch künstlich aus. Aus Höflichkeit sollte man aber zumindest einem zart besaiteten Türken diese Erkenntnis ersparen. Denn das könnte seine Gefühle wirklich verletzten. Genauso wie Betrachtungen darüber, ob der türkische Republikgründer den Tod möglicherweise durch exzessiven Alkoholkonsum gefunden hat oder dass sein politisches Erbe nicht nur makellos war.

Nigazi Celik, 61, Koch in einem Istanbuler Döner-Restaurant, jedenfalls möchte man damit nicht belasten. Er strahlt und lacht schon allein bei der Frage, wie er denn den Gründer der türkischen Republik findet. „Was soll ich sagen?!“, antwortet der Mann mit seiner weißen Kochschürze. „Atatürk ist unser Vater, unser Führer. Er ist der wichtigste Politiker der Weltgeschichte.“ Ähnliche Töne zwei Straßen weiter bei Muhtad Günem, 28. Jeder, der in seine Apotheke kommt, sieht neben den Medikamentenregalen sofort das Atatürk-Portrait an der Wand. „Atatürk gehört zu den bedeutendsten Menschen, von denen ich je gehört habe“, sagt er. „Wir haben ihm in der Türkei wahnsinnig viel zu verdanken“. Einer wie Recep Tayyip Erdogan könne dagegen einpacken.

Doch woher kommt dieser Kult um einen Mann, der an posthumer Heldenverehrung grenzt? „Dafür gibt es keine einfache Erklärung“, sagt Christoph Herzog, Professor für Turkologie an der Uni Bamberg. Ein entscheidender Faktor, der sich bis heute auswirke, sei sicherlich der Ausgang des Ersten Weltkriegs. Die Auflagen der Siegermächte für die heutige Türkei waren noch härter als die Vereinbarungen des Versailler Vertrags. Mustafa Kemal organisiert zunächst im Namen des Islams den bewaffneten Widerstand gegen die alliierten Besatzer. Der Widerstandsbewegung gelingt es, die alliierten Friedensbedingungen völlig zu revidieren. Herzog: „Es ist ein spektakulärer Erfolg, der das Fundament für den künftigen Nimbus ihres Führers legt.“ Doch die anatolischen Christen blieben außen vor. „Sie gelten als Kollaborateure der Siegermächte“, sagt der Turkologe.

Mustafa Kemal gründet die Republik Türkei, wird ihr erster Präsident. Er baut seine persönliche Macht aus, modernisiert Sprache, Kleidung und Alphabet. Das religiöse Schulsystem wird durch ein säkulares abgelöst. Aus dem Kalifatsstaat machte Atatürk einen Nationalstaat. „Es war ein revolutionärer Neuanfang aus den Nachkriegstrümmern, wenn auch ein autoritärer, denn die Revolution war immer eine von oben“, sagt Herzog. Trotzdem: Für diesen Neuanfang verehren die meisten Türken Atatürk bis heute.

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