Nach 20 Jahren Atomstopp zeichnet sich auf der Insel ein Kurswechsel in Sachen Nuklearenergie ab
Briten versöhnen sich mit Atomstrom

In Großbritannien erwägen Politiker, Industrie und Investoren gemeinsam den Wiedereinstieg in die Atomenergie. Der britische Forschungsrat vergab jetzt für ein neues Forschungsprogramm sechs Mill. Pfund Fördermittel. „Wir brauchen ein Forschungsprogramm, wenn wir neue Reaktorkapazitäten unterstützen wollen“, erklärte der Projektkoordinator, Robin Grimes vom Imperial College.

HB LONDON.Immerhin hätten 20 Jahre Atommoratorium eine Generationslücke in das britische Atomwissen geschlagen. Atomenergie sei ein Weg, „wie Großbritannien seine Kyoto-Verpflichtungen erfüllen kann“, sagte Grimes. Laut Kyotoprotokoll müssen die Briten ihren Ausstoß von Treibhausgasen um 12,5 Prozent senken.

Zwar bezeichnen sich die federführenden Minister als „neutral“ in der Atomfrage. Doch seit Premiermininster Tony Blair auf dem Labourparteitag forderte, die Entscheidung müsse „bald“ fallen und das A-Wort dabei so unbekümmert in den Mund nahm, gibt es kaum noch Zweifel am britschen Wiedereinstieg in die Atomindustrie.

„Alle in der Industrie arbeiten zusammen, um das Thema auf die Tagesordnung zu bringen“, sagte Ex- Energieminister Brian Wilson. Jüngst bezeichnete Forschungsminister Lord Sainsbury die Atomkraft sogar als „erneuerbare Energiequelle“ – eine Umklassifizierung, die den Betreibern wertvolle Steuervorteile einbringen würde. Auch der oberste wissenschaftliche Berater der Regierung, Sir David King, wirbt offen mit den Umweltvorteilen der Atomkraft.

Schon trägt die Kampagne Früchte: Laut einer Mori-Umfrage ist zum erstenmal eine Mehrheit britischer Parlamentarier für den Bau neuer Reaktoren. Zwei zentrale Argumente stützen den Kurswechsel. Seit 2003 steigt der britische CO2-Ausstoß wieder, der zunächst durch Thatchers radikalen Ausstieg aus dem Kohlestrom gebremst worden war. In Folge dessen steht das Land vor einer klaffenden Energielücke. Neun von zwölf Atomanlagen gehen in den nächsten zehn Jahren aus Altersgründen vom Netz. Bis 2020 wird der Anteil des Atomstroms im Energiemix von jetzt 20 Prozent auf unter sieben Prozent fallen. Rund 70 Prozent des Stroms werden dann aus Erdgas gewonnen – das zu einem Großteil importiert werden muss.

Außerdem sei Atomstrom um mehr als die Hälfte billiger als Kohlestrom, wenn man die Schadstoffbelastung berücksichtigt, rechnet die Ingenieursakademie, die „Royal Society of Engineering“, vor. Laut einer Analyse der Investmentbank UBS ist Atomstrom billiger als Gas, solange der Ölpreis über 28 Dollar/Barrel liegt.

Als Spezialist für die Demontage stillgelegter Meiler – Kostenpunkt schätzungsweise 60 Milliarden Pfund – wurde die „British Nuclear Group“ (BNG) begründet, eine Tochter der staatlichen British Nuclear Fuels (BNFL). BNFL will die BNG nun verkaufen. Man will nach dem Prinzip öffentlich-privater Partnerschaften Risiken verteilen und privates Kapital und Know How anzapfen.

Labour muss noch die Entscheidung der Regierungskommission für das Management radioaktiver Abfälle abwarten. Laut dem Vorsitzenden der „Royal Association of Engineers“, Lord Broers, würden zehn neue Atommeiler in 60 Jahren Betriebszeit nur zehn Prozent zusätzlichen Abfall produzieren. Bis Juli 2006 sollen die Vorschläge für die Endlagerung auf dem Tisch liegen. Sind sie akzeptabel, ist der Weg für die Entscheidung frei.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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