Nach Abschiebung von Schülern
In Frankreich entlädt sich die Wut der Jugendlichen

Auf der Straße protestieren Frankreichs Jugendliche gegen die Abschiebung von zwei Schülern. Die Empörung über die Ausweisung von jungen Ausländern reicht weit in die Gesellschaft hinein – und bedroht die Regierung.
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ParisSogar in Frankreich bleibt Protest gegen Behördenwillkür meist kalt und abstrakt. Schon deshalb, weil die, um die es geht, kein Gesicht haben. Anders die Mobilisierung französischer Jugendlicher gegen die Abschiebung von Schülern: Plötzlich geht es nicht mehr allein um Prinzipien, um Rechtsnormen und Runderlasse, sondern um Menschen.

Die Opfer haben ein Gesicht, genau gesagt gleich zwei: Das des 19-jährigen Armeniers Khatchik Kachatryan und das der 15-jährigen Roma Leonarda Dibrani. „Wir werden keine Ruhe geben, ehe unsere Kumpel wieder in Frankreich sind“, drohen die protestierenden Schüler. „Entweder die Regierung ändert ihre Politik freiwillig, oder wir werden sie dazu zwingen“.

Man mag über die großen Worte von Teenagern lächeln. Doch in den Regierungsstuben fröstelt es die Amtsträger: Noch jede Massenbewegung hat in Frankreich mit Protesten von Schülern und Studenten begonnen, denen sich dann andere anschlossen. Nichts fürchtet die Spitze der Sozialisten mehr als einen Anlass für Proteste zu liefern, an dem die massenhafte Enttäuschung über ihre Politik sich entzünden kann. Und der Frust ist gewaltig: Nur noch ein Fünftel der Wähler steht hinter Präsident Hollande. Jede Nachwahl haben die Sozialisten verloren.

Khatchik und Leonarda wurden vor einer guten Woche aus Frankreich abgeschoben. Am Mittwoch demonstrierten ein paar Hundert Schüler dagegen, am Donnerstag waren es bereits mehrere Tausend. Und Einiges spricht dafür, dass es in den nächsten Tagen noch mehr werden: Die stille Wut der Jugendlichen, die sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, findet hier einen Katalysator.

Ihre Empörung teilen auch viele Erwachsene. Bis weit in die Partei der regierenden Sozialisten hinein gibt es ein hartes Erwachen: Will man wirklich Schulkinder, die in Frankreich ihre Zukunft sehen und seit Jahren hier leben, mit Polizeigewalt auf den Flieger in eine Heimat setzen, mit der sie nichts verbindet? Kann die Linke mit Stolz darauf zeigen, dass sie noch mehr Ausländer des Landes verweist als die Rechte unter Nicolas Sarkozy?

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„Mir ist speiübel“

Kommentare zu " Nach Abschiebung von Schülern: In Frankreich entlädt sich die Wut der Jugendlichen"

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  • Did die Familie wurde informiert daß sie abgeschoben werden .Ignorierte die Nachricht in der falschen Annahme daß sie durch Hartnäckigkeit ' vergessen" werden.....

  • Laut Alois Irlmeier soll "die Stadt mit dem eisernen Turm" auch von den eigenen Jugendlichen ange zündet werden.

  • Erstklassige Analyse. Danke !

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