Nach Anschlag in Barcelona
Ende einer Jagd

Vier Tage hat die Polizei nach dem Attentäter von Barcelona gesucht. Am Montagnachmittag hat sie ihn gefunden und erschossen. Spanien atmet auf. Dennoch bleiben Fragen. Eine Analyse.
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MadridDas Terrordrama von Spanien ist nach vier Tagen beendet. Am Montagnachmittag erschoss die Polizei den Mann, der nach ihren Erkenntnissen am vergangenen Donnerstagabend mit einem Lieferwagen 13 Menschen tötete und 120 weitere verletzte. Der 22-jährige Marokkaner Younes Abouyaaquoub war seitdem auf der Flucht und europaweit zur Fahndung ausgeschrieben.

Am Montagmittag veröffentlichte die Polizei Fotos von Abouyaaquoub und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche. Rund drei Stunden später meldete sich eine Frau, die ihn rund 50 Kilometer von Barcelona in der Ortschaft Subirats gesehen hatte.

Zudem hatten ihn zwei Streifenpolizisten ebenfalls in der Nähe gesichtet. Er versuchte, sich in den Weinbergen der Region zu verstecken. Als die Beamten ihn stellten, schrie er „Allah ist groß“ und zeigte einen unechten Sprengstoffgürtel, den er bei sich trug. Außerdem hatte er mehrere Messer bei sich.

Die Polizei geht davon aus, dass sie mit dem Tod Abouyaaquoubs alle zwölf Mitglieder der Terrorzelle getötet oder verhaftet hat, die die Anschläge geplant haben. Er könne nicht ausschließen, dass in den kommenden Wochen oder Monaten weitere Personen hinzukommen, erklärte der katalanische Polizeichef Josep Lluis Trapero. Aber alle Hinweise und Unterlagen deuteten bislang darauf hin, dass die Gruppe aus zwölf Personen bestanden habe. Der katalanische Innenminister hatte die Zelle bereits am Sonntag für zerschlagen erklärt.

Wie Abouyaaquoub in den 50 Kilometer entfernten Ort kam, steht noch nicht fest. Die Polizei hat aber die ersten Stunden seiner Flucht bereits rekonstruiert: Nach dem Gemetzel auf den Ramblas ist Abouyaaquoub im allgemeinen Chaos zu Fuß geflüchtet. Er lief quer durch die Stadt bis zum Universitätsviertel. Dort erstach er einen jungen Spanier, der gerade aus seinem Auto stieg, den 34-jährigen Pau Pérez.

Abouyaaquoub tötete ihn, um seinen Wagen für die Flucht zu stehlen. Doch die Stadt war zu dem Zeitpunkt bereits abgeriegelt und er kam in eine Polizeikontrolle. Er fuhr einen Polizisten an und konnte fliehen. Wenige Kilometer weiter ließ er den Wagen stehen und flüchtete erneut zu Fuß. Danach hat die Polizei jede Spur von ihm verloren.

Ebenfalls tot ist der vermeintliche Kopf der Attentäter, ein Imam aus dem katalanischen Ort Ripoll, aus dem auch die meisten Mitglieder der Zelle stammten. Er starb bei der Explosion des Hauses, das der Zelle als Quartier diente. Sie hortete dort 120 Butangasflaschen sowie Sprengstoff, um Bomben zu bauen und einen noch viel größeren Anschlag in Barcelona zu verüben.

Doch am Tag vor den Attentaten explodierte das Material und begrub den Imam sowie ein weiteres Mitglied der Zelle in den Trümmern. Die Polizei geht davon aus, dass der Imam die übrigen Mitglieder der Zelle radikalisiert haben könnte.

Im vergangenen Jahr hat er offenbar zunächst versucht, in Belgien eine Anstellung zu finden. Der Bürgermeister des belgischen Orts Vilvoorde, zwölf Kilometer von Brüssel entfernt, bestätigte, dass er sich dort drei Monate lang aufgehalten hat. In der spanischen Zeitung El País erklärte der Vorsteher der größten Moschee des Ortes, der Imam aus Spanien habe um eine Anstellung gebeten, sich aber geweigert, ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Die Moschee in Vilvoorde habe daraufhin die Polizei eingeschaltet, doch der Imam tauchte nicht mehr auf.

Die Erklärung für seine Weigerung ist einfach: Er saß in Spanien vier Jahre lang wegen Drogenhandels im Gefängnis. Es ist die einzige Vorstrafe, die der Polizei bis heute über ihn bekannt ist. Auch alle übrigen Mitglieder der Zelle haben keinerlei bekannte Verbindungen zu Terrorgruppen gehabt.

Am Montagabend atmete Spanien erst einmal auf. Dennoch bleiben wichtige Fragen offen, die in den kommenden Tagen und Wochen geklärt werden müssen. Die fehlenden vorangegangenen Terrorverbindungen erklären womöglich, dass die Terroristen monatelang an Bomben basteln konnten, ohne auf dem Radar der Sicherheitsbehörden zu landen.

Dennoch muss zumindest einer von ihnen in der Lage gewesen sein, die Bomben zu bauen. Wer das war, woher er das Wissen hatte und wieso er nie aufgefallen ist, muss ebenso beantwortet werden wie die Frage, woher Abouyaaquoub plötzlich den falschen Sprengstoffgürtel hatte. Aufnahmen von Sicherheitskameras hatten ihn kurz nach dem Attentat auf den Ramblas im einfachen T-Shirt ohne Gürtel gezeigt.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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  • Herr Günther Heck - 22.08.2017, 09:54 Uhr

    Seit den 60er Jahren gab es nach einer Tabelle in Wikipedia in Deutschland etwa 34 Terroranschläge mit ca. 69 Toten und ca. 409 Verletzen.

    Die meisten Opfer gab es bei rechtsextremistisch/nationalistischen Tätern und dann kommen in irgendeiner Reihenfolge Palästinenser, Islamisten, Linksextremisten.

    Ich für meinen Teil kann mich nicht an Terroranschläge gewöhnen.
    Als Gefahr für mein persönliches Leben sehen ich sie selbstverständlich nicht an. Dazu ist die Wahrscheinlichkeit, selbst betroffen zu werden, einfach viel zu gering.

    Aber Sie haben völlig Recht. Auch nach dem 22.08.2017 wird nicht plötzlich Schluss sein mit terroristischen Anschlägen. Es wird weitere Terroropfer geben und jedes Mal ist es für die Betroffenen bzw. für deren Angehörige eine Tragödie.

  • Und die nächste steht bevor.

    Es ist jetzt und in Zukunft alles nur noch eine Frage wann, wo und wie viele Tote und Verletzte es geben wird.

    Ob wir uns daran gewöhnen werden? Müssen bestimmt.



  • Tote können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

    Selbstmord oder ein Verhalten, dass Polizisten bei der Festnahme zum Schießen zwingt, ist bei Amokläufern, Diktatoren oder Attentätern sehr beliebt. Es sind eben Feiglinge.

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