Nach Charleston-Massaker
Das N-Wort, der Bürgerkrieg und ein Stück Stoff

150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei ringt die amerikanische Gesellschaft mit tief verwurzeltem Rassismus. Nun konzentriert sich der Streit auf eine rotblaue Flagge. Und Obama nimmt gar das N-Wort in den Mund.
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ColumbiaWer das Hauptquartier des rassistischen Ku-Klux-Klan im Südstaat Arkansas besucht, findet unweit vom Hauptgebäude das Grab eines verstorbenen Mitglieds. An dem Holzkreuz am Waldrand steckt eine kleine Flagge in der Erde: Zwei blaue Diagonalen kreuzen sich auf hellrotem Grund, in ihnen reihen sich 13 weiße Sterne aneinander. Es ist das Banner der Konföderierten, mit dem der Geheimbund KKK die Afroamerikaner jahrzehntelang das Fürchten lehrte.

Fotos von Aufmärschen zeigen, wie Klansmänner in weißen Kapuzen durch US-Städte marschieren und die Konföderierten-Flagge in ihren Reihen schwenken. Auch Neonazis, rechtsradikale Paramilitärs und Skinheads nutzen das Symbol, ob bei Demonstrationen oder im Internet, teilweise dicht an dicht mit dem Hakenkreuz aus Zeiten der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. „Es ist das Banner der weißen Vorherrschaft“, schreibt die „Los Angeles Times“.

Es ist deshalb kein Wunder, dass nach dem blutigen Massaker in Charleston mit neun toten Afroamerikanern erneut Rufe laut werden, die häufig als rassistisch bewertete Flagge zumindest an öffentlichen Gebäuden zu entfernen. Auch der weiße Todesschütze hatte auf Fotos im Internet mit der umstrittenen Flagge posiert. Sie sei ein „zutiefst anstößiges Symbol einer brutal beleidigenden Vergangenheit“, sagt South Carolinas Gouverneurin Nikki Haley. Sie will das Banner vor dem Kapitol in der dortigen Hauptstadt Columbia vom Fahnenmast holen lassen.

Das Online-Auktionshaus Ebay schloss sich dem größten US-Einzelhändler Walmart an und stoppt den Verkauf von Artikeln mit der umstrittenen Konföderierten-Flagge. Das teilte das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien am Dienstag auf Twitter mit. „Wir haben uns entschlossen, Konföderierten-Flaggen und viele Artikel mit diesem Abbild zu verbieten, weil es unserer Ansicht nach ein zeitgenössisches Symbol für Spaltung und Rassismus geworden ist“, teilte Ebay nach berichten mehrerer US-Medien mit.

Die Fahnen müssten endlich ins Museum verbannt werden, fordern die Kommentatoren zahlreicher großer US-Zeitungen. Die Gesetzgeber in South Carolina, die in beiden Parlamentskammern mit einer Zweidrittelmehrheit für den Schritt stimmen müssten, sollten das „Symbol von Hass und Brutalität“ beseitigen, fordert die „New York Times“. Mit dem Schritt würden die Vereinigten Staaten endlich zeigen, dass die Flagge als Symbol des Respekts nicht würdig sei – immerhin sei das Exemplar in Columbia landesweit das letzte, das am Landesparlament eines Bundesstaats hänge, berichtet die „Washington Post“.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Im amerikanischen Süden, wo das Banner die Nummernschilder etlicher Pickup-Trucks ziert, zelebrieren Befürworter das blaue Kreuz auf rotem Grund nicht nur als Ausdruck des Protestes gegen die Regierung in Washington. Nachfahren von Soldaten aus Bürgerkriegszeiten sehen in ihr auch eine Chance, der Kriegstoten zu gedenken – allerdings wurde die Flagge zu diesem Zweck erst im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert eingesetzt.

Auch anderthalb Jahrhunderte nach Abschaffung der Sklaverei ringen die USA mit tief in der Gesellschaft verankertem Rassismus. Die wiederholten Todesschüsse weißer Polizisten auf unbewaffnete Schwarze haben die Ressentiments auf beiden Seiten nur weiter geschürt. Präsident Barack Obama ließ sich gar dazu hinreißen, in einem Interview zum Thema das extrem beleidigende Schimpfwort „Nigger“ in den Mund zu nehmen – und heizte die Debatte damit weiter an. Obama, der ganz bewusst nicht als Präsident der Afroamerikaner angetreten war, hatte sich aus diesen Diskussionen zuvor sehr zurückgehalten.

Rund 13 Prozent der Amerikaner sind Schwarze – nicht wenige dürften sich besonders im Süden durch das Banner abgeschreckt oder eingeschüchtert fühlen. 2011 fand das Umfrageinstitut Pew heraus, dass die Flagge bei knapp einem Drittel der Amerikaner negative Gefühle auslöst, neun Prozent der Befragten gaben dagegen an, positiv auf die Flagge zu reagieren. Selbst wenn das Banner in Columbia bald nicht mehr weht – die Diskussion um das rotblaue Stück Stoff dürfte andauern.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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