Nach den Reformen
Nippon AG spürt Schattenseiten des Erfolgs

Japan bekommt einen neuen Premier. Die Wirtschaft sieht dem Wechsel an der Regierungsspitze gelassen entgegen. Doch hinter guten gesamtwirtschaftlichen Daten verbergen sich viele Probleme. Längst spüren die erfolgsgewohnten Japaner die Risiken und Nebenwirkungen der gesellschaftlichen Radikalkur.

TOKIO. Formell wird nun alles schnell gehen. Am Sonntag haben die 538 Parlamentarier und Basisfunktionäre von Japans Liberal-Demokraten (LDP) ihren neuen Vorsitzenden gewählt – dabei konnte sich der favorisierte frühere Chefkabinettssekretär Yasuo Fukuda (71) gegen Ex-Außenminister und LDP-Generalsekretär Taro Aso (66) behaupten. Am Dienstag wird der neue Parteichef dann mit der komfortablen Koalitionsmehrheit im Unterhaus zum Premier gekürt, noch am selben Tag stellt er Kaiser Akihito sein Kabinett vor.

Anscheinend routiniert geht Japan zur Tagesordnung über. Entsprechend unaufgeregt reagiert die Wirtschaft auf den Wechsel an der Führungsspitze. Der mächtige Chef des Unternehmerverbandes Keidanren, Fujio Mitarai, mahnte bisher nur, die Politik solle kein längeres Vakuum zulassen, den Reformkurs fortsetzen, die Steuern senken und den Industriedampfer auf klarem Wachstumskurs halten.

Diese Gelassenheit mag der in Jahrzehnten gewonnenen Erfahrung geschuldet sein, dass Regierungen im fernöstlichen Industriereich stets nur kurz bestehen. Selbst charismatische Premiers haben – mangels klarer Richtlinienkompetenz – mehr administriert als geführt. Japan wird traditionell von einflussreichen Polit-Zirkeln und Spitzenbürokraten regiert. Das führt zu der Erwartung, dass die sich nun abzeichnende Übergangsregierung, die durch eine starke Opposition im Oberhaus weitgehend handlungsunfähig ist, die Konjunktur kaum verderben wird.

Trotz deutlicher Konjunkturkorrekturen für das zweite Quartal glauben die meisten Experten auf mittlere Sicht an einen weiteren Aufschwung. Immerhin ergibt sich für das erste Halbjahr im Zwölfmonatsvergleich ein Realwachstum von 2,5 Prozent. Wenn die US-Hypothekenkrise nicht doch noch zu einer globalen Rezession führt, sind für Japan auch im Gesamtjahr 2007 sowie für 2008 Zuwächse von deutlich über zwei Prozent zu erwarten. Vor allem die Industrie profitiert von der – mit bisher 66 Monaten – längsten Wachstumsphase der Nachkriegsgeschichte. Fast alle großen Firmen der Nippon AG wirtschaften an den Grenzen ihrer Kapazitäten. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten weisen für jeden Jobsuchenden 1,06 Stellenangebote aus.

Aber dieser statistische Aufschwung ist in Japan unausgewogen verteilt. Die Löhne und Gehälter stagnieren, die Sozialkosten schießen durch die Decke, viele Rentenansprüche sind ungewiss und das Wohlstandsgefühl beschränkt sich auf die industriellen Ballungsgebiete Tokio, Osaka und Nagoya. Zwar sank die Arbeitslosenrate auf 3,7 Prozent und damit den niedrigsten Stand seit neun Jahren, aber vielen Jugendlichen zwischen 25 und 35 Jahren fehlen akzeptable Jobs. Sie gehören zur „Generation der verlorenen Dekade“, als Japan in Deflation und Stagnation verharrte. Diese rund 2,5 Millionen Söhne und Töchter Nippons schlagen sich als „freeter“, Teilzeitarbeiter oder gar Tagelöhner, durch ihr Leben, ohne Chance auf eine Festanstellung.

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