Nach Ernennung zum Vize legt demokratisches Duo in Umfrage zu – Republikaner kritisieren Cheney
Edwards verschafft Kerry ersten Schub

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry hat durch die Ernennung von John Edwards zu seinem Stellvertreter einen ersten Schub bekommen. Nach einer am Montag im Magazin „Newsweek“ veröffentlichten Umfrage lägen Kerry und Edwards derzeit mit 51 zu 45 Prozent vor Präsident George W. Bush und seinem Vize Dick Cheney.

WASHINGTON. Mitte Mai hatte der Vorsprung lediglich einen Prozentpunkt betragen. Noch deutlicher fällt der direkte Vergleich zwischen den beiden „running mates“ aus: Edwards käme auf 52 und Cheney auf 41 Prozent.

Die Vize-Kandidaten spielen zwar bei der Wahlentscheidung der Amerikaner nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch kritisieren manche Republikaner unterschwellig, dass Cheney gegenüber dem jugendlich wirkenden Edwards alt und verbraucht aussehe. Hinzu kommt, dass sich der 63-Jährige immer wieder gegen Vorwürfe wehren muss, politische und geschäftliche Interessen miteinander zu vermischen: Cheney war Chef des texanischen Energie-Riesen Halliburton, der vom Pentagon Millionen-Aufträge für den Wiederaufbau des Iraks erhalten hat.

Auch Cheneys unablässige Behauptungen, dass der Irak unter Saddam Massenvernichtungswaffen besessen habe, stößt auf Unmut. Ein führendes Mitglied der Republikaner verglich Cheney kürzlich mit japanischen Guerilla-Kämpfern, die in der 50-er Jahren aus dem Dschungel aufgetaucht waren und nicht gemerkt hätten, dass der Zweite Weltkrieg vorbei sei.

Bisher war der frühere New Yorker Senator Alfonse d’Amato der einzige, der offen Front gegen Cheney machte: Wenn Bush seinen Vize durch den populären Außenminister Colin Powell oder den unkonventionellen Senator John McCain ersetze, sei seine Wiederwahl gesichert, feixte d’Amato. Umfragen scheinen ihm Recht zu geben: Nach Angaben von „Newsweek“ würde ein Team aus Bush und Powell das Duo Kerry-Edwards mit 53 Prozent zu 44 Prozent abhängen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass der Präsident seinen Vize fallen lässt. Loyalität sei für Bush ein ehernes Gebot, heißt es dazu im Weißen Haus.

Zwar versuchen die Republikaner, den 51-jährigen Edwards als politisches Leichtgewicht darzustellen: Der ehemalige Star-Anwalt saß lediglich sechs Jahre für den Bundesstaat North Carolina im Senat. Doch Edwards ist charismatisch und kann durch seine einfache, klare Sprache sowie seinen dynamischen Auftritt Massen elektrisieren. Darüber hinaus ist er für mehrere wichtige Zielgruppen interessant. Seine Reden von den „zwei Amerikas“ – einem der Privilegierten und einem mit dem Rest – kommt vor allem in der Mittelklasse an, die derzeit um ihre Jobs fürchten muss.

Auf unabhängige Wähler wirkt Edwards wegen seines Aufstiegs vom Arbeitersohn zum Top-Juristen anziehend. Außerdem bringt der frisch gebackene Vize das Kunststück fertig, trotz aller Warnungen vor einem sozialen Kahlschlag Amerikas als Mann mit einer positiven Botschaft rüberkommen.

Manche sehen in Edwards bereits einen Rivalen für Hillary Clinton. Die Senatorin von New York hat zwar ihre Ambitionen für die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2008 noch nicht offiziell angemeldet, doch dies gilt in Washington als offenes Geheimnis. „Bislang hätten sich die Medien im Falle einer Wiederwahl von Bush sofort auf Hillary Clinton als Gegenkandidatin konzentriert“, sagt der Meinungsforscher Lee Miringoff. „Jetzt ist auch Edwards mit im Rennen.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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