Nach Indien-Terror
Schonzeit für US-Verbündeten Pakistan endet

Bei der Suche nach den Drahtziehern für die Anschläge von Bombay hatte US-Außenministerin Condoleezza Rice am Montag ungewöhnlich deutlich mit dem Finger nach Pakistan gezeigt. Sämtliche Spuren müssten genauestens verfolgt werden, sagte sie. Doch wie so oft, wenn es um den engen US-Verbündeten Pakistan geht, steckt die Regierung in Washington auch diesmal in einem Dilemma.

WASHINGTON. Denn die demokratisch gewählte Regierung in Islamabad ist viel zu kurz im Amt, um sie für die Terrorattacken in Indien allein verantwortlich zu machen.

Das indische Außenministerium hatte am Montag zwar den pakistanischen Botschafter Shahid Malik einbestellt. Man habe ihn darüber informiert, dass "Elemente aus Pakistan" für die Angriffe in Bombay verantwortlich seien. Nach indischen Medienberichten hatte der einzige festgenommene mutmaßliche Terrorist bei seinen Vernehmungen die Verbindung der Terroristen nach Pakistan bestätigt. Er sei gemeinsam mit anderen in einem pakistanischen Trainingslager der radikal-islamischen Organisation Lashkar-e-Toiba ausgebildet worden, sagte der 21-jährige Ajmal Amir Kasav.

Die pakistanische Regierung bot Indien gestern gemeinsame Ermittlungen zu den Hintergründen der Terrorserie von Bombay an. "Wir sind bereit, der Angelegenheit gemeinsam auf den Grund zu gehen", sagte Außenminister Mahmud Qureshi. Doch Pakistans neuer Präsident Asif Ali Zardari und Premier Yousuf Raza Gilani sind nur eingeschränkt Herr der Lage, denn sie haben ein Problem geerbt, das eng mit dem pakistanischen Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI) verknüpft ist. Dieser weit verzweigte Sicherheitsapparat führt in Pakistan quasi ein Eigenleben - und ist von den zivilen Strukturen des Landes nahezu nicht kontrollierbar. Der ISI war bei den vielfältigen Krisen stets im Spiel, ob es sich dabei um die Taliban in Afghanistan oder den Kaschmirkonflikt mit Indien handelte.

Auch die Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba, die für die Anschläge in Bombay verantwortlich sein soll, wurde vor mehr als 15 Jahren mit Hilfe des ISI gegründet, ist der Terrorismusexperte Bruce Riedel vom Thinktank Brookings überzeugt. Ziel sei eine Destabilisierung der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Region Kaschmir gewesen. Nach Riedels Informationen erhielt die Gruppe dafür frühzeitig auch finanzielle Unterstützung durch El Kaida-Chef Osama bin Laden. Fareed Zakaria, Südasien-Spezialist bei "Newsweek" und CNN, sagt, das pakistanische Militär habe stets zwischen "guten" und "bösen" Terroristen unterschieden. "Gut" waren jene, die für Unruhe in Indien und Afghanistan sorgten, "böse" jene, die pakistanische Ziele ins Visier nahmen.

Der US-Regierung sind diese Verbindungen zwar bestens bekannt. Doch mit Rücksicht auf die zentrale geopolitische Lage Pakistans hatte Washington immer nur bis zu einem bestimmten Punkt Druck auf Islamabad ausgeübt. Zum einen, weil Pakistan während der sowjetischen Besetzung Afghanistans in den 80er-Jahren als Verbündeter unersetzlich war. Später, nach den Anschlägen vom 11. September 2001, wurde Pakistan im Kampf gegen den Terror wiederum zu einem engen Alliierten der USA. Als Gegenleistung für seine Unterstützung der USA erhielt Islamabad relativ viel Freiraum im Inneren. Eine Konsequenz dieser Politik war die Errichtung quasi rechtsfreier Räume in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan.

Der gewählte US-Präsident Barack Obama hatte im Wahlkampf zwar eine harte Linie gegenüber Pakistan angekündigt. So sagte er, die USA müssten militärisch gegen Terrorgruppen in den Stammesgebieten vorgehen können - auch ohne Einwilligung der pakistanischen Regierung. Doch einmal im Amt, wird auch er sich mit den politischen Zwängen konfrontiert sehen. Zumal der ungeliebte Präsident Pervez Musharraf, der sich 1999 an die Macht geputscht hatte, nicht mehr im Amt ist und die politische Entwicklung in Pakistan seither eher nach den Vorstellungen Washingtons verläuft. Eine Schwächung der Zivilregierung Zardaris kann deshalb nicht im Sinne der USA sein.Unter den Experten herrscht daher auch Ratlosigkeit, was zu tun sei. Robert Kagan vom Thinktank Carnegie räumt ein, dass im Grunde keine Regierung direkt verantwortlich zu machen ist. Kagan sagt, die scheidende US-Administration habe zwar Recht damit, von Pakistan volle Zusammenarbeit bei der Aufklärung der Geschehnisse von Mumbai zu verlangen. "Doch das wird wahrscheinlich nicht viel bewirken". Andere Experten flüchten sich in das Naheliegende. Lisa Curtis von Heritage empfiehlt eine enge Kooperation zwischen den USA und Indien bei der Terrorbekämpfung und dem gegenseitigen Austausch von Geheimdienstinformationen. Auf diesem Gebiet gebe es noch viel zu viele Lücken, schreibt Curtis.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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