Nachahmer
Nur einen Schuhwurf entfernt

Der „Schuhwerfer von Bagdad“ erregte vor knapp zwei Monaten mit seiner Bush-Attacke Aufsehen. Seitdem fliegen überall in der Welt aus Protest die Schuhe. Zu Verteidigungszwecken griff selbst Brasiliens Präsident Lula da Silva schon zum Leder. Wie der Schuhwurf zur transkulturellen Geste wurde.

DÜSSELDORF. Der chinesische Regierungschef bekam sie in Cambridge entgegengeschleudert, der israelische Botschafter in Stockholm und die französische Forschungsministerin in Straßburg – Schuhe. Im Eiltempo verbreitet sich eine Protestform, die im Westen bislang unbekannt war. „Dies ist dein Abschiedskuss, du Hund!“ rief im Dezember der irakische Journalist Muntaser el Saidi, als er seine Schuhe auf George W. Bush warf. Saidi, der „Schuhwerfer von Bagdad“, sitzt seitdem im Knast, und überall fliegen die Schuhe.

Doch während im Islam ein tieferer Sinn hinter dem Schuhwurf steht, schleudert der Westen gänzlich ohne kulturelle Hintergedanken. Schuhe gelten im Islam als unrein. Sie müssen vor Betreten einer Moschee ausgezogen werden. „Mit Schuhen zu werfen, das ist zunächst nur eine für die muslimische Gesellschaft verständliche Form, Ablehnung und Verachtung auszudrücken“, sagt Jeanne Berrenberg, Ethnologin an der Freien Universität Berlin. „Ein vergleichbarer Akt in der westlichen Welt wäre es, mit faulen Eiern oder Tomaten zu werfen.“ Doch warum greift nun auch der Westen zum Schuhwerk?

Zumindest bei der Attacke auf Chinas Regierungschef Wen Jiabao in Cambridge ist es unwahrscheinlich, dass sich der Werfer der muslimischen Aussage seiner Tat bewusst war. Der Angreifer stammte aus Deutschland, brüllte „Wie könnt ihr den Lügen dieses Diktators zuhören?“ und blies zudem in eine Trillerpfeife. Auch die französischen Wissenschaftler, die in Straßburg gegen höhere Arbeitsbelastung an den Universitäten protestierten, dachten wohl kaum an das Unreine sondern eher an ihren Status, als sie ihre Treter in Richtung der französischen Ministerin Valérie Pécresse schleuderten.

Die Schuhwürfe bedeuten also nicht, dass islamische Rituale auf dem Vormarsch sind. „In einer globalisierten und mediatisierten Welt machen sich auch kulturelle Handlungsformen auf die Reise. Sie werden in anderen Gesellschaften aufgegriffen und übernommen“, erklärt Berrenberg. „Unbekannte Symbole werden zu bekannten Zeichen. Auf diese Weise entstehen transkulturelle Gesten.“

Seite 1:

Nur einen Schuhwurf entfernt

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%