Nicaragua
Vom Strich auf die Schulbank

In Nicaragua sollen Prostituierte den überlasteten Gerichten Arbeit abnehmen. In einem einjährigen Kurs werden 60 Frauen zu Mediatorinnen ausgebildet. Anschließend sollen sie Streit in ihrer Nachbarschaft schlichten.
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MatagalpaKnalleng und kurz – das ist die Arbeitskleidung von Concepción Jarquín, wenn sie an der Bar auf Freier wartet. Heute trägt die 46-Jährige, die alle nur Cony nennen, ein dezentes knöchellanges Kleid. Statt auf den Strich geht sie zu ihrer ersten Jurastunde. In einem einjährigen Kurs bildet der Oberste Gerichtshof in Nicaragua insgesamt 60 Prostituierte zu Mediatorinnen aus. Sie sollen Streit in der Nachbarschaft schlichten und so den überlasteten Gerichten Arbeit abnehmen.

Das Mediatorenprogramm gibt es in dem mittelamerikanischen Land schon seit 17 Jahren, 4300 Mediatoren wurden seither ausgebildet. Doch zum ersten Mal nehmen nun Prostituierte daran teil. Prostituierte hätten die besten Voraussetzungen, um als Mediatorinnen zu arbeiten, sagt Maria Davila vom Prostituiertenverband Girasoles, der in Zusammenarbeit mit dem Obersten Gericht den Jura-Crashkurs organisiert hat. „Wir sind Frauen, die es gewohnt sind, zu kämpfen und über uns hinauszuwachsen.“

Auch Cony musste viel kämpfen in ihrem Leben. Mit sechs Jahren sei sie von einem Nachbarn vergewaltigt worden, erzählt sie in ihrer Hütte in einem Slum in Matagalpa im Norden des Landes. Aus Scham ging sie danach nicht mehr zur Schule und lief schließlich von zu Hause fort, weil die Mutter Cony die Schuld für die Vergewaltigung gab. Sie arbeitete in Läden und Hotels, wurde immer wieder sexuell belästigt. Um ihre beiden Kinder durchzubringen, begann sie, sich zu prostituieren.

„Einen Fremden auf dir liegen zu haben ist schrecklich und ekelhaft. Das ist keine würdige Arbeit. Aber so ernähren wir unsere Kinder“, sagt Cony, die inzwischen auch drei Enkel hat. Sie habe mit vielen geschlafen, „mit Bauern, Angestellten, Studenten, Hirten, Pfarrern und Politikern.“ Sie habe gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben, sagt Cony. Deshalb, glaubt sie, könne sie gut anderen helfen, sich zu verteidigen. Die 46-Jährige hofft, dass ihr das Engagement als Mediatorin Respekt in der Nachbarschaft einbringen wird, den sie durch ihre Arbeit als Prostituierte verloren hat.

Nach dem einjährigen Unterricht in Zivil- und Strafrecht sollen die Prostituierten bei Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn vermitteln, sich um Fälle häuslicher Gewalt kümmern und notfalls die Polizei einschalten. Konflikte gibt es in Conys Viertel genug. Es gibt kein fließendes Wasser, nur alle zwei Tage kommt ein Tankwagen und verkauft Wasser. Die Hütten aus Blech, Plastik und Holz stehen dicht an dicht, zum Teil übereinander: Streit zwischen den Nachbarn ist da programmiert.

Eine andere Prostituierte, die ihren Namen mit Alondra angibt, hofft auf Erkenntnisgewinn aus dem Mediatorenprogramm. Die 36-Jährige arbeitet in ihrem Job als Haushälterin nicht genug und verdingt sich deshalb nachts als Prostituierte. „Ich werde gestärkt daraus hervorgehen und das, was ich lerne, nutzen, um den Leuten zu helfen“, verkündet sie. Für die 35-jährige Yesenia Alston ist der Mediatorenkurs eine „Gelegenheit, unseren Familien und anderen Sexarbeiterinnen zu helfen, unsere Rechte zu verteidigen.“

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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