Nigeria
Hungern, kämpfen, wählen

Kampf um Nigerias Fleischtöpfe und gegen Boko Haram: Der Sieger der Präsidentenwahl tritt ein schwieriges Erbe an. Wird die Wahl in Afrikas bevölkerungsreichten Land so knapp wie erwartet, drohen neue Gewaltexzesse.
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Johannesburg An Selbstvertrauen und großen Visionen hat es Nigeria nie gefehlt. Vor zwölf Jahren plante die damalige Regierung sogar ein Raumfahrtprogramm, das Afrikas bevölkerungsreichsten Staat wohl mit Macht aus seiner jahrzehntelangen Stagnation in die Moderne katapultieren sollte. Genauso unerfüllt blieb bis heute der lang gehegte Wunsch, bald zu den zehn führenden Volkswirtschaften der Welt zu zählen.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 500 Milliarden US-Dollar ist Nigeria davon noch immer weit entfernt. Im Gegenteil: Bis heute spielt das Land wirtschaftlich und sozial in der Abstiegszone – die Zahl seiner unter oder am Rande der Armutsgrenze lebenden Bürger liegt inzwischen bei mehr als 100 Millionen Menschen und nimmt Jahr für Jahr zu.

Unabhängig davon wer die Parlaments- und Präsidentschaftswahl an diesem Wochenende gewinnt, erwartet den Sieger ein schwieriges Erbe: Die Halbierung des Ölpreises seit Mitte 2014 hat das Land, dessen Staatseinnahmen zu 75 Prozent vom Öl abhängen, naturgemäß hart getroffen. Hinsichtlich seiner Exporterlöse liegt die Abhängigkeit vom schwarzen Gold sogar bei fast 95 Prozent.

Die „Economist Intelligence Unit“ rechnet damit, dass Nigerias Öleinnahmen in diesem Jahr trotz seiner zuletzt leicht gestiegenen Produktion um etwa 25 Prozent unter den Einkünften des Vorjahres liegen werden. Eine Studie der britischen Bank HSBC zufolge könnten es sogar ein Drittel weniger als im Vorjahr sein – und sogar nur noch die Hälfte dessen, was Nigeria 2011 für sein Öl bekam.

Als Reaktion auf den Einbruch der Öleinnahmen ist der Naira, die Landeswährung, in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als ein Viertel gefallen und schreibt seit Wochen ständig neue Tiefstände. Auch die Börse in Lagos ist stark abgesackt und wird in diesem Jahr im weltweiten Vergleich nur noch vom Aktienmarkt in der Ukraine unterboten. Viele Infrastrukturprojekte sind auf Eis gelegt.

Kein Wunder, dass sich angesichts der Abhängigkeit vom Öl das in den vergangenen zehn Jahren recht passable Wachstum von durchschnittlich acht Prozent stark verringert hat. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang von 6,3 Prozent (2014) auf 4,8 Prozent. Dies ist jedoch schon wegen der starken Bevölkerungszunahme viel zu wenig, um die Armut unter Nigerias fast 180 Millionen Menschen auch nur ansatzweise zu verringern.

Bis 2050 dürfte der westafrikanische Ölstaat mit seinen dann wohl 450 Millionen Menschen – heute sind es 174 Millionen – hinter China und Indien die weltweit höchste Bevölkerungszahl aufweisen und könnte bis zum Jahr 2100 mit dann womöglich 900 Millionen Menschen sogar international an der Spitze liegen. Jedes Jahr werden in dem kaum industrialisierten Staat sieben Millionen Kinder geboren. Das sind mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland.

Entsprechend hoch ist der Aufholbedarf nach den vielen verschenkten Jahren seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960: Vor allem mangelt es an Strom, dem Lebenssaft einer modernen Wirtschaft. Wer es sich leisten kann, wird in Nigeria zum Selbstversorger und legt sich einen Generator zu. Mehr als zwei Drittel der Elektrizität wird heute irgendwo in Kellern und Hinterhöfen produziert. Ob die zuletzt erfolgte Privatisierung bei den langen Vorlaufzeiten für Projekte daran rasch etwas ändern kann, ist angesichts der nigerianischen Erfahrungen zweifelhaft.

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