Nobelpreisträger Stiglitz kritisiert Sparpolitik
„Europa zahlt einen enormen Preis“

Der Sparkurs der EU ist „kläglich gescheitert“. Das sagt der US-amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Konsequenz einer nicht funktionierenden Politik: Das Wachstum stagniert, die Arbeitslosigkeit steigt.
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LindauDie ausgeprägte Sparpolitik zur Bekämpfung der Schuldenkrise in der Euro-Zone ist nach Überzeugung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz jäh gescheitert. Das Wachstum sei in dem Wirtschaftsraum nahezu zum Erliegen gekommen, stellte Stiglitz am Mittwoch am Rande einer Fachkonferenz im bayerischen Lindau fest. Dieses unzureichende Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit seien Folgen einer nicht funktionierenden Politik. „Wir können nun den enormen Preis erkennen, den Europa dafür zu zahlen hat”, sagte Stiglitz. Es sei zu hoffen, dass die realen Folgen dieser Politik nun auch eine Änderung auslösten.

Im Rahmen der Konferenz in Lindau wird auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen. Sie gilt als die Hauptbefürworterin eines ausgeprägten Sparkurses in der Euro-Zone. Mit Italien, Frankreich und Deutschland waren die drei größten Volkswirtschaften dieses Währungsraumes im zweiten Quartal nicht gewachsen. Die bereits brüchige Erholung gerät damit weiter in Gefahr und es wächst der Druck auf die EZB zur Verstärkung stimulierender geldpolitischer Maßnahmen. Mit 0,4 Prozent war überdies der Preisauftrieb im Juli auf den niedrigsten Wert seit nahezu fünf Jahren gefallen. Die EZB strebt einen Wert von rund zwei Prozent Inflation an.

Stiglitz kritisierte überdies die Geschwindigkeit bei der Etablierung einer europäischen Bankenunion als „zu langsam” und rief zur Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der Eurozone auf. Deutschland hat diese Maßnahme, gemeinsam mit anderen Ländern, stets abgelehnt. „Sie bräuchten mehr von dem, was sie 'Fiskalunion' nennen”, mahnte Stiglitz. Könnte sich die Eurozone als Ganzes am Kapitalmarkt versorgen, so sei das zu ähnlichen Konditionen möglich wie es die USA tun. Die Geldpolitik alleine, sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger von der Columbia-Universität in New York, sei kein Ersatz für diese politischen Maßnahmen.

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Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • Dieser Stiglitz wagt es, die Wirtschaftskompetenz unserer "Die Griechen bekommen gar nichts"-Kanzlerin anzuzweifeln!? Der Mann hat wohl nicht bedacht, dass er in Lindau genau, naja, nicht im Herzen, aber doch im Lande der schwäbischen Hausfrauen spricht. Gnade ihm Gott, dass keine davon so genau zuhört, was er sagt.

  • Wir sparen uns nicht kaputt und die Einnahmen brechen auch nicht weg. Sie sind so hoch wie noch nie. Wir haben ein Ausgabenproblem, kein Einnahmenproblem. Auch der Staat kann einen Euro nur einmal ausgeben. Wenn dies durch Fehlleistungen, z.B. Rente mit 63, erfolgt, steht natürlich kein Geld mehr für Investitionen zur Verfügung. Wie jeder Unternehmer sollte auch der Staat für zukünftige Ersatzinvestitionen vorsorgen. Ein Unternehmen kann auch nur finanzieren, wenn es den Kredit in der Abschreibungszeit der Investition zurück zahlt. Wenn nicht, wird es bald zum Konkursgericht gehen müssen. Der Staat zahlt aber nicht zurück, sondern braucht immer neue Gelder, die dann überwiegend verkonsumiert werden. Das Gespenst der Deflation wird immer wieder von Schuldenpolitikern an die Wand gemalt. Bei einer entsprechend hohen Inflation fällt die Verschuldung prozentual zum BIP. Selbst wenn Preise mal zurück gehen, ist das noch lange keine Deflation. Ein Großteil der niedrigen Inflation geht auf den bislang starken Euro zurück. Energiekosten sind dadurch z.B. günstiger geworden. Ist das schlecht?

  • es spart doch keiner, auch in Deutschland nicht. Wenn wir ein Investitionsprogramm auflegen, dann müßte das ja wohl auf Pumpf geschehen und das bei den derzeit horrenden Steuereinnahmen und den niedrigen Zinsaufwendungen. Ginge alles z.L. späterer Haushalte, sprich Generationen. Wer würde aber davon profitieren? Etwa die Problemeländer? Keinesfalls. Griechenland kann uns nichts auf dem Investitionssektor liefern. Italien und Frankreich sind dazu auch nicht in der Lage, weil sie ihre Probleme nicht lösen wollen. Würden sie das tun, könnten sie auch mehr exportieren. Mit den bisherigen Beschlüssen der Groko werden wir in bälde auf dem Niveau von Frankreich sein.

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