Noch nie hatte die Uno-Vollversammlung eine solche Bedeutung für Deutschland - eine Chronik
Der Kampf um die Sitz-Gelegenheit

Montagabend, Millennium Plaza Hotel, 19 Uhr.Joschka Fischer steht am Eingang des Empfangssaals im zweiten Stock und träumt von einem Sitz. Ein hochrangiger Diplomat nach dem anderen zieht händeschüttelnd an ihm vorbei. Und es sind viele, die diesmal dabei sein wollen beim Empfang der Deutschen, kurz vor der Generaldebatte der Uno-Vollversammlung.

HB NEW YORK. Jeder, den Fischer an diesem Abend mit freundlichen Worten willkommen heißt, weiß: Diesmal ist der Außenminister in New York, um den deutschen Anspruch auf einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat geltend zu machen.

Allein: Fischer träumt genau in diesem Moment von einem anderen Sitz. Einem weichen, gepolsterten, mit Rückenlehne. Denn Fischers Beine werden langsam müde. Seine biologische Uhr steht nach dem Flug aus Deutschland bereits auf eine Stunde nach Mitternacht. Und Fischer weiß, dass er eine anstrengende Woche vor sich hat mit Dutzenden von Treffen.

Fischer erblickt den türkischen Außenminister Abdullah Gül und zieht ihn zur Seite. Die beiden Amtskollegen frotzeln kurz über den jüngsten Streit zwischen EU und der Türkei über die Strafrechtsreform, dann kommt Fischer zur Sache: „Am 6. Oktober muss ein positiver Kommissions-Bericht her.“ Gül beruhigt ihn: Es werde eine Einigung geben. Dann zieht er weiter. Dafür kommt der Außenminister Bangladeschs auf Fischer zugestürmt. „Ich habe gute Nachrichten. Wir unterstützen euch bei der Sicherheitsratsreform.“ Fischer strahlt.

Wenn da nur nicht die fehlende Sitzgelegenheit wäre. Doch Fischer steht und wartet. Auf Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der noch vorbeischauen will. Dann die Nachricht: Annan wird es nicht mehr schaffen, er ist stecken geblieben zwischen Empfangsflut und Verkehrschaos im New Yorker Uno-Bezirk. Fischer darf sitzen.

Dienstag, Uno-Vollversammlung, 9.48 Uhr.

Lange bevor die Generaldebatte beginnt, nimmt Fischer in dem großen Saal der Vollversammlung Platz. Zehnte Reihe, linke Seite. Das hat die rotierende Sitzordnung diesmal zugewiesen. Nicht toll. Um ihn herum füllt sich der Saal langsam mit Staats- und Regierungschefs und ihren Außenministern.

Ein schmaler Mann mit Vollbart stürmt gut gelaunt auf Fischer zu: Javier Solana, der EU-Außenrepräsentant, beugt sich herab, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Zwar kann sich die EU wegen des Widerstands Italiens nicht einmütig hinter den deutschen Anspruch stellen. Aber Fischer weiß auch so, dass die Mehrheit der EU-Mitglieder hinter dem Anliegen steht. Bereits im Sommer hatten Frankreich und Deutschland gemeinsam ihre Botschafter auf Werbetour in die Außenministerien rund um den Globus geschickt.

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