Nur zwei Stunden Strom in Bagdad
Geschichten aus 1001 Tag

Wer sich bis 18 Uhr auf Bagdads Straßen verspätet, der eilt klopfenden Herzens nach Hause. Denn in Bagdad, der Stadt von 1001 Nacht, gibt es kein Leben mehr in den Nächten – weil es kaum noch Strom gibt, um die Straßen nach Sonnenuntergang zu beleuchten.

BAGDAD. Alle Bewohner von Iraks Hauptstadt kehren üblicherweise gegen 16 Uhr von der Arbeit zurück nach Hause. Zwei Stunden früher sind schon die berufstätigen Frauen zurück. Studentinnen und Schülerinnen sind um 13 Uhr zu Hause. Um 20 Uhr gleicht Bagdad mit seinen sechs Millionen Einwohnern einer Geisterstadt. Denn in der Stadt von 1001 Nacht gibt es heutzutage weder Abende noch Nächte. Grund: Für die Straßenlaternen gibt es keinen Strom.

Zu tun hat eine Familie in Bagdad natürlich genug – gerade weil es nur selten Strom gibt. Das beginnt mit der Suche nach einer Kochgasflasche für 13 Dollar, einem Liter Petroleum zu sieben Dollar und einem Liter Benzin für den Hausgenerator ebenfalls für 13 Dollar. Die Zeit dazwischen vergeht mit Warten auf das, was nur selten kommt: Leitungswasser.

Das tägliche Getümmel in Bagdad beginnt, wenn der Strom endlich wieder fließt – im besten Fall zwei Stunden am Tag oder auch in der Nacht. Die Bagdader nennen ihn den „staatlichen“, weil sie eben auch noch den „privaten“ aus dem Generator haben. Wenn der „staatliche“ kommt, eilen die Iraker zum Hauptverteilerkasten, um den Hebel hinunterzudrücken, der privaten vom staatlichen Strom trennt. Kreuzen die beiden Ströme einander, können Generator oder Haushaltsgeräte durchbrennen.

In diesen zwei Strom-Stunden herrscht in jedem Haus Bagdads routinierte Geschäftigkeit: erst Einschalten der elektrischen Pumpen, um das nur mit wenig Druck fließende Wasser in die Tanks auf den Dachterrassen zu pumpen; dann Einschalten von Waschmaschine, Kühlschrank, Kühltruhe und Klimaanlage. Danach bildet sich die Schlange der Familienmitglieder vor dem Bad, weil jeder die Gelegenheit nutzen will, um sich schnell zu duschen. Oft reichen zwei Stunden nicht einmal, damit ein jeder es unter die Dusche schafft. Denn oft fließt der „staatliche“ nur für eine oder oft gar nur eine halbe Stunde. Natürlich fließt auch kein Wasser, wenn es keinen Strom gibt.

Niemand weiß, wann der staatliche Strom kommt. Von einem Stadtviertel zum anderen ist es unterschiedlich: einmal in den frühen Morgenstunden, ein anderes Mal mittags und ein drittes Mal nachts. Niemand weiß vorab wann oder wie lange. Wenn der Strom nachts kommt, kann sich mancher nicht aus dem Schlaf aufrappeln; kommt er tagsüber, hat man Pech, wenn man berufstätig ist.

„Was macht nur die Regierung, wo bleibt das Geld des Volkes“, fragen sich viele Iraker, „wenn es nicht einmal die einfachsten öffentlichen Dienste gibt?“ Umso verständlicher ist ihre Wut, wenn man bedenkt, dass der Sommer im Irak im Juni beginnt und Anfang Oktober endet. Im Juli, August und September steigt das Thermometer auf 50 bis 60 Grad.

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