Oppositionsführer Juschtschenko gibt sich nicht geschlagen
Aufruf zum Generalstreik in der Ukraine

“Ganba, Ganba!”, Schande, Schande, schreien die rund 100 000 Menschen auf Kiews Unabhängigkeitsplatz, als am Abend auf dem grossen Bildschirm die Ergebnisse der Präsidenten-Stichwahl vom Sonntag verlesen werden.

Serhij Kiwalow, Chef der Wahlkommission und einstmals Boxer mit noch heute sichtbar eingeschlagener Nase, verliest den Sieg des von Russland und Noch-Amtsinhaber Leonid Kutschma unterstützten bisherigen Premier Viktor Janukowitsch mit einem breiten Lachen. 49,46 Prozent der Stimmen verkündet der Wahlleiter für den wegen Raubes und Körperverletzung vorbestraften Regierungschef. 46,61 Prozent sollen es für Oppositionsführer Viktor Juschtschenko sein.

Da hallen wieder die “Ganba, Ganba”-Rufe über den Platz unterhalb der Statue mit den Freiheitsengel. Dazu schwenken die Anhänger Juschtschenkos wild die orangefarbenen Flaggen der Opposition. Der Hoffnungsträger kommt nur wenige Minuten nach Verkündung des Wahlergebnisses und spricht zu seinen frenetisch “Juschtschenko, Juschtschenko” rufenden Anhängern: “Diese Wahl werden wird nicht anerkennen, sie ist gefälscht. Das ist ein Verbrechen am ganzen Volk”, ruft er ins Schneetreiben hinein und zählt die schlimmsten Manipulationen auf: 2,8 Millionen Stimmen seien Janukowitsch zugeschummelt worden, weil in einigen Wahlkreisen in der an Russland grenzenden Ost-Ukraine so viele gefälschte Wahlzettel in die Urnen geworfen wurden, dass damit am Ende mehr als 104 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt hatten.

Die durchsichtigen Wahlurnen haben keine Transparenz gebracht, wohl aber Wut bei den Ukrainern. Nicht nur in Kiew, auch in anderen Städten überall im Land strömen über eine Million Menschen auf den Plätzen zusammen, um für den Sieg Juschtschenkos zu demonstrieren. Immer neue Busse kommen mit Oppositionellen aus anderen Regionen in die Hauptstadt. In Kiew werden die Anhaenger Juschtschenkos immer mehr. Mittlerweile sprechen beide Seiten von einem drohen Bürgerkrieg - sowohl Präsident Kutschma, der der Opposition einen Staatsstreich vorwirft, als auch Juschtschenko, der ein "geplantes Vorgehen" ankündigte.

Und der durch einen Giftanschlag des Geheimdienstes im Gesicht entstellte populäre Politiker erhöht den Druck auf das Regime: Erstmals ruft er am Abend zum Generalstreik auf. Einige Unternehmen wie eine Kiewer Versicherung, eine Weberei und ein Maschinenbaubetrieb in der West-Ukraine haben sich dem Aufruf bereits angeschlossen. Die meisten Universitäten des Landes streiken bereits seit gestern.

Seite 1:

Aufruf zum Generalstreik in der Ukraine

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%