Osteuropa
Zement und Fliesen für ein neues Auto

Suche Baustoffe, biete Zweitwagen: In Osteuropa kurbelt die Wirtschaftskrise Tauschgeschäfte an. Damit erlebt der so genannte Barterhandel eine Renaissance. Experten schätzen, dass manche Firmen in den "wilden Neunzigern" mehr als 50 Prozent ihrer Geschäfte über Barterverträge abwickelten.

MOSKAU. Palettenweise stapeln sich Zement, Steine und Fliesen auf dem Hof von Wjatscheslaw Wolowik. Die Krise hat die Firma des Bauunternehmers voll erwischt, Wolowik bekommt keine Aufträge mehr, sein übergroßer Lagerbestand frisst Kapital.

Durch Zufall stößt er dann im Internet auf ein Handelsportal. Dort inseriert ein Privatmann aus Pjatigorsk, der Baustoffe für seinen Hausneubau sucht, aber keine Kredite bekommt. Zum Tausch gegen Zement und Fliesen bietet er seinen Zweitwagen an. Also fährt Wolowik ins 439 Kilometer entfernte Kaukasusstädtchen; die beiden werden sich handelseinig. Tags darauf karrt er seine Baustoffe in den Kaukasus - und kehrt mit einem Honda CRV zurück.

In Osteuropa erlebt eine Form des Wirtschaftens ihre Renaissance, die nach dem jahrelangen Aufschwung zu Beginn des Jahrtausends tot geglaubt worden war: der Barterhandel. In den Neunzigern, als auf den frisch privatisierten Märkten der ehemaligen Sowjetunion das Chaos regierte, waren Tauschgeschäfte überlebenswichtig. Ein Maschinenbaukombinat ließ sich gern mit drei Paletten Milch auszahlen, wenn die Molkerei eine Rechnung nicht begleichen konnte. Die Milch wurde dann als Lohn an die Mitarbeiter verteilt.

In den "wilden Neunzigern", schätzt der Moskauer Ökonom Sergej Guriew, wickelten manche Firmen mehr als 50 Prozent ihrer Geschäfte über Barterverträge ab. Solche Dimensionen sind heute freilich nicht mehr vorstellbar. Und doch: Der Barterhandel gewinnt in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion an Bedeutung. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leiden darunter, dass ihnen die Kredithähne zugedreht wurden.

Anatolij Abadschan hat das erkannt. "Kredite sind die Drogen der Volkswirtschaft", sagt der Geisteswissenschaftler. "In Krisenzeiten ist die Wirtschaft auf Entzug. Unternehmen, die zu sehr auf Pump gelebt haben, können nichts mehr bezahlen." Es sei denn, sie handeln mit Naturalien.

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