Palästinenserstadt Nablus
Wo der Freund auch der Feind ist

Gewalt, Kriminalität, chaotische Gesetzlosigkeit: Ausgerechnet in Nablus will Präsident Mahmoud Abbas seine Palästinenser für den Frieden begeistern. Aber viele kämpfen lieber weiter gegen Israel. Ein Besuch „in der blutigen Metropole des Terrors“.

NABLUS. Jafr Samhan hat keine Wohnung und ein Büro schon gar nicht. Denn er ist ständig auf der Flucht. Nacht für Nacht versteckt er sich vor israelischen Truppen, die nach Sonnenuntergang in die Palästinenserstadt Nablus in der Westbank eindringen und nach Männern wie ihm fahnden: Militante, die sich mit Bomben oder Maschinengewehren in der Hand gegen Israels Besatzung wehren.

Tagsüber fühlt sich Jafr Samhan etwas sicherer. Im Morgengrauen ziehen die Israelis wieder ab und überlassen Nablus den neuen palästinensischen Sicherheitskräften. Dann verkriecht sich Jahr Samhan in ein Versteck – Kräfte sammeln für die nächste Nacht. Abends kehren die Israelis zurück, und das makabre Versteckspiel beginnt von vorn.

Nablus: Bei Palästinensern ist die 130 000-Einwohner-Stadt wegen ihrer notorischen, chaotischen Gesetzlosigkeit berüchtigt, bei Israelis ist sie als blutige Metropole des Terrors verschrien. Doch für die Friedenverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern, die ersten seit sieben Jahren, die heute in Jerusalem beginnen, ist Nablus von zentraler Bedeutung. Es ist die erste Stadt in der Westbank, in der Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas für Sicherheit sorgen will. Dazu hat er sich bei der großen Nahostkonferenz in Annapolis Ende November verpflichtet.

Scheitert Abbas in Nablus, ist er für Israels Regierungschef Ehud Olmert als Verhandlungspartner unten durch – und der Nahe Osten wäre einem Frieden ferner denn je. Will Abbas das verhindern, muss er militante Landsleute wie Jafr Samhan für den Frieden gewinnen.

Doch der 36-Jährige denkt nicht daran, den Kampf gegen die Besatzer aufzugeben. „Wir haben das Recht, uns zu wehren und die Gefangenen in israelischen Gefängnissen zu befreien,“ sagt der Mann. Auf seinem schwarzen T-Shirt prangt, fast symbolträchtig, in weißen Lettern die Aufschrift „The lost Islands“.

Jafr Samhan, etwas untersetzt und mit einem dünnen Bärtchen, leitet eine Gruppe Männer, die zu den Al-Aksa-Brigaden gehören. Die Truppe steht der Fatah-Partei von Mahmoud Abbas nah, aber vom Friedenswillen seines Präsidenten hält Samhan wenig. Die Waffen würden sie erst abgeben, wenn Israels Soldaten Nablus nicht mehr heimsuchen, sagt Samhan. Wann er damit rechne? „God knows“, sagt er.

Der Kommandant empfängt im ersten Stock des Betongerippes eines neuen Einkaufszentrums. Der Raum ist leer, bald soll hier eine Boutique einziehen. Termin und Ort des Interviews hatte Jafr Samhan bis zur letzten Minute offengelassen.

Ein knappes Dutzend der Mitglieder seiner Truppe, die sich „Löwen der Nacht nennen, mustert den Gast misstrauisch, ehe sie ihre Kalaschnikows und M-16 dann doch in die Ecke stellen. Andere hat Samhan auf die gegenüberliegenden Dächer abkommandiert – auf dass sie Alarm schlagen, sobald Gefahr droht.

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