Präsidentschaftswahl 2007
Wahlkampf in Paris: Viel Nation, wenig Europa

Mit dem Thema EU lässt sich in Frankreich nicht punkten – zumindest nicht im Präsidentschaftswahlkampf. Spätestens seitdem die Franzosen die europäische Verfassung abgelehnt haben, ist das Verhältnis zur EU heikel. Mal Sündenbock, mal Feindbild, nie Vorbild: Wer auch die Wahl gewinnt, der Präsident wird nicht pro Europa sein.

PARIS. Sie ist rechteckig, hat blau-weiß-rote Streifen und gehört ins Wohnzimmer jedes anständigen Staatsbürgers. Dieser Ansicht ist zumindest die Sozialistin Ségolène Royal. „Jeder Franzose muss zu Hause eine Trikolore haben“, forderte die Präsidentschaftskandidatin. Das politische Spiel mit den nationalen Symbolen beherrschen auch ihre Kontrahenten. Der konservative Kandidat Nicolas Sarkozy versprach ein „Ministerium für nationale Identität“. Und der Zentrist Francois Bayrou versäumt es nie, am Ende eines Wahlkampfauftritts die Marseillaise zu schmettern.

Frankreich kreist um sich selbst. Als die EU-Staats- und Regierungschefs vor drei Wochen in Berlin den fünfzigsten Geburtstag der Europäischen Union feierten, beteuerten die Präsidentschaftskandidaten in Paris ihre Liebe zum Vaterland. Die Nation entpuppte sich als eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. Von Europa ist währenddessen kaum die Rede.

Aus gutem Grund: Die Europäische Union ist für Pariser Wahlkämpfer ein gefährliches Terrain. Das wissen französische Spitzenpolitiker spätestens seit dem 29. Mai 2005, als die Franzosen die Europäische Verfassung in einer Volksabstimmung ablehnten und damit die gesamte EU in eine schwere Krise stürzten. Der europapolitische Handlungsspielraum des noch amtierenden Staatspräsidenten Jacques Chirac tendiert seither gen Null.

Zwei Jahre nach dem gescheiterten Referendum hat sich die Europaskepsis der Franzosen keineswegs verflüchtigt. Zwar sind 70 Prozent der Franzosen stolz darauf, Europäer zu sein, wie eine Umfrage der Tageszeitung „Le Figaro“ vor wenigen Tagen ergab. Doch das heutige Gesicht der EU gefällt den meisten Franzosen überhaupt nicht. „Diese EU sieht mehr britisch als französisch, mehr transatlantisch als kontinentaleuropäisch aus“, beschwert sich der Publizist Alain Duhamel. Die angelsächsische Vorstellung von freien Märkten habe sich in der Europäischen Union durchgesetzt, die französische Vision von einer politisch gesteuerten Wirtschaft sei ins Hintertreffen geraten, meinen viele Franzosen. Und dies müsse sich ändern.

Das ausgeprägte französische Sendungsbewusstsein findet sich bei allen französischen Präsidentschaftskandidaten mehr oder weniger wieder. Egal wer die Wahl am 6. Mai gewinnt: Ein begeisterter Europäer wird keinesfalls in den Elysée-Palast einziehen. Die anderen EU-Staaten müssen sich darauf einstellen, dass der künftige französische Staatschef aus der nationalen Brille auf Europa schauen wird. Im Ausland lebende Franzosen sind darüber nicht immer glücklich.

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