Prager Frühling
Zerschossene Illusionen

Sowjetische Panzer walzten vor 40 Jahren den Versuch der tschechoslowakischen Reformkommunisten nieder, Sozialismus mit Demokratie zu verbinden. Eine Begegnung mit Ludvik Vaculik – einem Helden wider Willen.

PRAG. Die alten Geschichten, er ist sie leid. „Ach, hören Sie auf mit der Vergangenheit“, sagt Ludvik Vaculik. „Ich beschäftige mich nicht mit dem, was gewesen ist.“ Eigentlich war es kein Problem, den Mann zu diesem Treffen zu bewegen – gerade um über die alten Geschichten zu reden. Nun aber will er davon gar nichts mehr wissen. Der 83-Jährige mag sich nicht ausfragen lassen, er stellt lieber selber Fragen. Ihn interessiert, was sein Gegenüber denkt, was Leute beschäftigt, die fast 50 Jahre jünger sind als er. „Die alten Zeiten“, sagt er noch mal mit Nachdruck und lehnt sich zurück in seinem Stuhl in einem Café in der Prager Innenstadt, „die lässt man besser ruhen.“

Dabei hätte der tschechische Schriftsteller einiges zu erzählen – denn eine Begegnung mit Vaculik ist eine Begegnung mit Europas Geschichte. Mit Sozialismus und Diktatur, mit hochfliegenden Hoffnungen mutiger Reformer und großen Tragödien eines kleines Landes, mit gewagten Experimenten und zivilem Widerstand.

In dieser Woche jährt sich ein Ereignis, das wie kein anderes auch mit Vaculiks Namen verbunden ist: der „Prager Frühling“ von 1968, der kühne Versuch tschechoslowakischer Reformkommunisten, Reste des Stalinismus zu überwinden und das totalitäre System an eine Demokratie anzunähern. Dass das gründlich misslang, wurde vielen Menschen in der Nacht zum 21. August 1968 klar, als sowjetische Panzer auf Prag vorrückten und Soldaten der Warschauer-Pakt-Staaten einmarschierten.

Ludvik Vaculik war einer der Helden des „Prager Frühlings“. Der Schriftsteller hatte bereits ein Jahr vor der Invasion der „Bruderstaaten“ die Kommunistische Partei kritisiert. Seine Rede auf einem Schriftstellerkongress erregte Aufsehen – denn Vaculik, Sohn eines Tischlers und ehemals Fabrikarbeiter, hat die KP in seiner Heimat einst mitbegründet. Zwei Monate bevor die Sowjets das tschechoslowakische Reform-Experiment beendeten, hat Vaculik mit einem Text mit der Überschrift „2 000 Worte, die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle anderen gerichtet sind“ die Hoffnungen der Menschen auf mehr Offenheit, Meinungsfreiheit und einen echten Rechtsstaat am prägnantesten zusammengefasst und so die sowjetische Führung provoziert.

„Die Kommunistische Partei“, schrieb Vaculik anno 1968, „die nach dem Kriege in weitem Umfang das Vertrauen des Volkes genossen hatte, hat dieses Vertrauen sukzessive gegen Ämter eingetauscht, bis sie endlich alle diese Ämter bekommen hatte und nichts anderes mehr besaß. Die fehlerhafte Linie der Führung hat diese Partei in eine Machtorganisation verwandelt, die eine gewaltige Anziehungskraft auf herrschsüchtige Egoisten ausübte, auf skrupellose Feiglinge und Leute mit schlechtem Gewissen.“

Fast 70 Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler hatten das Dokument im Juni 1968 unterschrieben – Vaculiks Analyse der Zustände im real existierenden Sozialismus, in dem eine verknöcherte Parteibürokratie die Idee des Sozialismus an sich gerissen und ihr alle demokratischen und humanistischen Elemente entzogen hatte.

Vaculiks Abrechnung mit 20 Jahren KP-Herrschaft mündete in einer eindeutigen Forderung: „Wir müssen dieses Mal unseren Entschluss, das alte Regime zu vermenschlichen, unbedingt verwirklichen. Sonst fällt die Rache der alten Gewalten grausam aus.“

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