Professor Tacheles zu Netanjahu
Der Schwarzseher behielt recht

Netanjahu gilt vielen als Kriegstreiber und Schwarzseher. Dennoch wurde er als Premier wiedergewählt – auch, weil Israels Hoffnungen auf Frieden zu häufig blutig enttäuscht wurden. Schuld daran sind auch EU und USA.

Zugegeben: Israels Premier Benjamin Netanjahu ist kein Sympathieträger. „Bibis“ Politik ist mehr kratzbürstig als kuschelig. Leider ist sie oft realistisch. Weil die meisten Menschen unangenehme Realitäten ungerne wahrnehmen, ist ihr Verkünder unbeliebt.

Seit den 1990er-Jahren hat Netanjahu seinen Landsleuten und der Welt sicherheitspolitisch nur tiefpessimistische Vorhersagen zugemutet. Die Außenwelt hält ihn deshalb für einen maßlosen Schwarzseher, manche für einen Kriegstreiber. Warum hat die Mehrheit der Israelis Netanjahu dennoch im Amt bestätigt? Weil er eben meist recht behielt.

Nicht nur Israelis, sondern Juden ganz allgemein sind historisch gebrannte Kinder. Im Widerstreit zwischen Hoffnung und Sicherheit entscheiden sich nicht alle, aber doch die meisten Juden für Sicherheit. Der Hoffnung misstrauen sie, weil sie zu oft blutig enttäuscht wurde. Nicht „nur“ durch den Holocaust, sondern die dreitausendjährigen Geschichte der Juden, nicht zuletzt die Geschichte von Zionismus und Staat Israel.

Schauen wir nur auf die Netanjahu-Jahre. Erstmals 1996 wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt. Warum? Weil das im September 1993 von seinem Vorgängern Jitzchak Rabin und Schimon Peres mit Jassir Arafats PLO geschlossene Abkommen, der Osloer Friedensprozesses, Hoffnungen geweckt, aber nicht erfüllt hatte.

Israel hatte sich 1994 aus dem Gazastreifen weitgehend und Teilen des Westjordanlandes zurückgezogen. Statt Frieden für geräumtes Land bekam Israel mehr Terror – und intensivierte seinerseits den Siedlungsbau im Westjordanland. Das wiederum führte zu noch mehr Palästinenser-Terror, also weniger Sicherheit. Mehr davon hatte Netanjahu versprochen. Angesprochen hatte er, öffentlich weltweit als erster Politiker, das Atomwaffenprogramm des Iran. Kaum jemand nahm diese Warnung ernst. Auch nicht die israelischen Wähler.

Deshalb setze 1999 ihre Mehrheit wieder aufs Prinzip Hoffnung. Bis Anfang 2001 führten Ehud Baraks Sozialdemokraten den Jüdischen Staat und im Mai 2000 aus dem besetzten Süd-Libanon heraus. Der abgewählte Netanjahu tobte, die Welt lobte und liebte Israel: Endlich „Land für Frieden.“ Irrtum. Die radikal-schiitische Hisbollah belegte Nord-Israel mit Raketenteppichen.

Im Juli 2000 unternahm Barak mit US-Präsident Bill Clinton und Arafat in Camp David einen neuen Friedensanlauf. Ein erneuter Fehlschlag. Statt Frieden brach der zweite Palästinenser-Großaufstand („Intifada“) aus. Den schlug Netanjahus Parteifeind Ariel Scharon als Ministerpräsident militärisch nieder und lenkte dann politisch ein: Der gesamte Gazastreifen wurde geräumt. Netanjahu hatte gewarnt: Statt Dank und Frieden fürs geräumte Land würde Israel Terror und Raketen bekommen.

2007 gewann die terroristische Hamas den Bürgerkrieg gegen die gemäßigtere Fatah im Gazastreifen. Fortan schlugen massenweise Hamas-Raketen in Israel ein. Wieder wurde die Hoffnung der meisten Israelis enttäuscht. Deshalb wurde Netanjahu 2009 Ministerpräsident und 2013 sowie jetzt wiedergewählt.

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