Protest-Bericht aus New York
„Ich lasse mich nie mehr unterdrücken“

Hunderttausende Frauen marschieren in amerikanischen Großstädten gegen Donald Trump. In Manhattan allein versammeln sich mindestens 200.000 Menschen und kämpfen für ihre Rechte. Ein Bericht aus der Mitte des Protests.
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New YorkDie junge Frau hat ein eindeutiges Angebot für Donald Trump: „Kiss My Muslim Ass“, steht auf ihrem Plakat. Eine andere setzt sich für die First Lady ein: „Free Melania.“ Eine dritte schlägt Melania vor, ihren Mann zu vergiften. Eine Parole lautet: „Pussy grabs back.“ Auf einem anderen Plakat erklärt eine Frau etwas ausführlicher, dass sie die „kleinen Hände“ des US-Präsidenten auf keinen Fall in die Nähe ihrer Unterwäsche lassen wird. Ein Plakat, das drei Frauengesichter zeigt, darunter eines mit muslimischem Schleier im Design der US-Fahne, enthält ein ganzes Manifest. Es endet mit den Worten: „Ich lasse mich nie mehr unterdrücken.“

Ich habe mich einer Freundin angeschlossen und bin zum Frauen-Marsch („Women´s March“) im Westen von Manhattan gegangen. Und in dem unübersehbaren Meer von Menschen zwischen der 5th Avenue und dem Hudson River bin ich keineswegs der einzige Mann. An Marschieren ist einstweilen nicht zu denken. Immer mehr Menschen strömen dazu, nichts geht mehr vorwärts oder rückwärts, wobei die Polizei in ihrem Wahn, möglichst viele Metallgitter aufzustellen, alles noch schlimmer macht.

Hunderttausende Frauen, aber auch Männer protestieren am Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump gegen den neuen US-Präsidenten; in ganz Amerika, etwa auch in Chicago, Los Angeles und natürlich Washington. In Chicago wird der Marsch nach der Kundgebung abgesagt, weil zu viele Teilnehmer gekommen sind.

In Manhattan sammeln sich nach Angaben der „New York Times“ mindestens 200.000 Menschen, und das ist vom Augenschein her auch realistisch. Die Polizei stoppt die Protestierenden in sicherem Abstand vom Trump-Tower, der Wohnung und Zentrale von Trump.

Es ist das bunte, liberale Amerika, das sich hier versammelt und auf seine Rechte beharrt. Frauen kämpfen für Frauenrechte, immer wieder ertönt der Sprechchor „My body, my choice“. Schwule demonstrieren für ihre Rechte, „Black lives Matter“ ist auch vertreten. Frauen tragen Plakate mit alten Fotos und der Aufschrift: „Meine Großmutter war eine Suffragette“, also eine der frühen Frauenrechtlerinnen. Eine zeigt das Foto eines Soldaten mit der Aufschrift: „Mein Großvater kämpfte gegen den Faschismus. Er hat gesiegt, und wir werden auch siegen.“

Bilder mit Trump-Karikaturen schweben über den Köpfen, von denen viele mit Mützen in Pink, der Protestfarbe des Tages, bedeckt sind. Viel ist auch von Liebe statt Hass die Rede. Eine jüdische Organisation setzt sich für die Rechte der Muslime ein. Die Kommunistische Partei von New York, von deren Existenz ich zuvor nichts wusste, fordert Jobs. Auf einem Plakat schreibt eine Anhängerin von Hillary Clinton: „I'm still with her.“ Eine Lehrerin erzählt von einem muslimischen Kind, das sie gefragt habe: „Muss ich jetzt auswandern?“

Trotz der Proteststimmung ist die Laune der meisten Teilnehmer gut. Zum Glück sind keine Trump-Anhänger zu erkennen, deswegen kann es gar nicht erst zum Streit kommen.

Am Tag der Amtseinführung hatte es in Washington auch gewalttätigen Protest mit Brandstiftung gegeben. Außerdem gab es im Vorfeld offenbar in einigen Städten und in den sozialen Netzwerken Auseinandersetzungen zwischen schwarzen und weißen Organisatoren. Schwarze warfen weißen Frauen vor, jetzt erst aufzuwachen, wo sie selbst auch zum Ziel der Unterdrückung geworden sind, Weiße fühlten sich dadurch vor den Kopf gestoßen. Zum Teil gab es im Vorfeld auch Anläufe, zwischen verschiedenen Gruppen ins Gespräch zu kommen und Erfahrungen auszutauschen.

Aber an dem Tag in Manhattan ist nichts vom internen Zwist zu spüren. Die Polizei meldet bis zum späten Nachmittag keinerlei Festnahmen. Der gesamte Marsch entwirft die groß angelegte Vision einer Gesellschaft, in der Frieden und Zusammenhalt über alle Grenzen hinweg herrschen. Eine Vision, zu der Donald Trump am Tag zuvor in seiner Antrittsrede nicht einen einzigen Funken beigetragen hatte.

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