Protest im Iran
Angst um Angehörige eint Kaliforniens Exil-Iraner

Seit der Wahl in Iran rücken Kaliforniens Exil-Iraner näher zusammen. Schah-Anhänger und Demokraten protestieren gemeinsam auf den Straßen von San Francisco und Los Angeles und bauen eine Gegenöffentlichkeit im Netz auf. Was bleibt, ist die Sorge um Angehörige in der Heimat.

SAN FRANCISCO. Man muss sich das vorstellen: Da stehen Jugendliche in Teheran auf den Dächern und reichen Nachrichten weiter!“ Ali H. stockt fast der Atem, wenn er von der Heimat spricht, die er vor 21 Jahren verlassen hatte. Jetzt betreibt er einen Grafiker-Laden in Oakland. „Nachts auf den Dächer rufen die sich zu: Schreibt das ja in Twitter oder Facebook, oder sendet das bloß über Youtube! Sonst bleiben wir alleine.“

Ali kennt sich in diesen Dingen nicht so gut aus. Er ist fast 60 Jahre alt, und meist telefoniert er altmodisch mit Bruder und Vater, die in Teheran leben. „Seit den Wahlen ist dies ein Glücksspiel.“ Und auch das Internet ist erlahmt. „Vor fünf Tagen bekam ich über 20 E-Mails aus Iran, vor drei Tagen tröpfelten gerade mal zwei oder drei rein, seit dem Wochenende kommt nichts mehr. Tot.“

Seit der Wahl in Iran rückt Kaliforniens Exilgemeinde – rund eine halbe Million Menschen – über alle politischen Grenzen näher zusammen. Seien sie Monarchisten, Republikaner, Kommunisten oder unpolitische Geschäftsleute: Allen ist klar, dass ihre Heimat womöglich vor einer Zeitenwende steht: „Solche üblen öffentlichen Beschimpfungen und Anfeindungen in der Nomenklatura gab es nie. Auch Demonstrationen dieses Ausmaßes hat Iran nie erlebt. Das ist eine Revolution“, sagt Hossein, ein Schneider in Berkeley, der seit 30 Jahren hier lebt. Bis vor ein paar Wochen ließ er noch stoisch die iranisch-sprachigen Sendungen über Satellit über sich ergehen, zumeist vom Staat bezahlt und mit propagandistischem Inhalt.

„Seit den Demonstrationen ist alles anders. Man braucht Nachrichten. Jeder kennt jetzt jemanden, der sich bei Twitter, Facebook oder Youtube auskennt und der die Informationen aus dem Netz fischt und weitergibt“, sagt Shidokht, der in Los Angeles lebt. Seit Beginn der Ausschreitungen, die die US-Medien kalt erwischt hatten, lernen viele Iraner zum ersten Mal die Begriffe aus der Welt des „Social Web“ kennen.

Wie verlässlich diese Nachrichten sind, wagt keiner einzuschätzen. Aber das ist fast sekundär. „Die Nachrichten stiften eine Solidarität, die ich hier 20 Jahre lang nicht erlebt habe“, schwelgt Ali. Nicht nur das. Tatsächlich haben die Nachrichten große Verbreitung und Wirkung. Dafür sorgen rege und engagierte Journalisten der etablierten Medien wie der „New York Times“ oder die Blogger der „Huffington Post“. Akribisch sichten sie die im Netz verstreuten Nachrichten und veröffentlichen sie auf ihren Blog-Seiten, angereichert mit Filmfetzen, die sie entweder auf Youtube oder ausländischen Medien finden. So verleihen sie den Meldungen über das blutige Aufbegehren eine Aura von Glaubwürdigkeit.

„Ich bin sehr emotional, wenn ich solche Bilder sehe. Die Angst ist immer dabei“, sagt eine junge Iranerin, während sie sich über Fotos zu den Demonstrationen in ihrer Heimat beugt. „Die Frauen sind meist in meinem Alter, völlig anders als ich, und dennoch fühle ich mich zu ihnen hingezogen.“

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