Putin und der Jet-Abschuss
Das lässt sich eine Supermacht nicht gefallen

Der russisch-türkische Konflikt um das Vorgehen in Syrien schwelt seit Monaten. Dennoch kam der Abschuss des russischen Kampfjets für Moskau völlig überraschend. Wie Kremlchef Putin nun handeln dürfte – eine Analyse.
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MoskauNach dem Abschuss des russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe herrschte einige Stunden lang bestürzte Verlegenheit. Korrespondenten und Beobachter riefen zu Zurückhaltung und einer besonnenen Analyse des, wie Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte, „ernsten Zwischenfalls“ auf.

Die Erklärung von Präsident Wladimir Putin war dann allerdings wenig zurückhaltend. Er warf der Türkei einen Dolchstoß in den Rücken vor und bezeichnete Ankara wenig schmeichelhaft als „Handlanger des Terrors“. Putins Vorwürfe sind hart. Seinen Worten nach finanziert die Türkei die Terroristen in Syrien. „Wollen sie nun auch noch die Nato in den Dienst der (Terrormiliz) IS stellen“, fragte Putin anschließend rhetorisch, nachdem bekannt geworden war, dass Ankara statt den Kontakt mit Moskau zu suchen, als Erstes eine Sondersitzung der Nato einberufen hatte.

Putin zumindest drohte mit „ernsthaften Konsequenzen“ für das bilaterale Verhältnis. In der Duma wurden bereits Stimmen laut, den Flugverkehr mit der Türkei – einem beliebten Urlaubsland der Russen und erste Alternative nach dem Wegfall der Destination Ägypten – gänzlich einzustellen. Mehrere Reisebüros stellten den Verkauf von Türkei-Urlauben vorsorglich ein. Auch das russische Außenministerium sprach eine Reisewarnung für die Türkei wegen Terrorgefahr aus, Minister Sergej Lawrow sagte seinen für Mittwoch geplanten Besuch in der Türkei ab.

Die harte Reaktion Putins ist keineswegs überraschend. Der Kremlchef verdankt seine Popularität – nach Beginn des Syrien-Konflikts ist sein Rating auf sagenhafte 90 Prozent gestiegen – der steten Betonung von Russlands Größe und Macht. Nach der Demütigung, als die viele Menschen den Zerfall der Sowjetunion und Russlands anschließenden wirtschaftlichen Verfall und politischen Einflussschwund in den 1990er-Jahren empfunden haben, stößt diese Rhetorik bei den Russen auf große Zustimmung.

Eine Supermacht aber lässt sich solche Angriffe nicht gefallen, wie Putin betonte. Auch die USA hätten – davon ist auszugehen – scharf auf eine solche Attacke reagiert. Der Kreml sieht sich auf Augenhöhe mit dem Weißen Haus.

Konfliktscheu war Putin noch nie. Darüber hinaus ist er allerdings auch ein kühler Rechner. Einen bewaffneten Konflikt mit der Türkei oder womöglich der Nato wird er wegen des Vorfalls nicht vom Zaun brechen. Es ist davon auszugehen, dass es zunächst eine asymetrische Antwort auf wirtschaftlicher Ebene geben wird, die Reisewarnung ist ein erstes Anzeichen dafür. Auch geplante Abkommen könnten betroffen sein.

Zu einem Rückzug aus dem Syrien-Abenteuer wird der Abschuss nicht führen. Das würde als Zeichen der Schwäche ausgelegt, so Moskaus Überlegung. Russland wird allerdings seine Taktik bei den Luftangriffen ändern: Flogen die SU-24-Bomber bislang aufgrund der geringen Gefahr, die ihnen drohte, ohne Geleitschutz, so werden ihnen in Zukunft wohl mehrere Abfangjäger zur Seite gestellt. Zudem dürften die Maschinen mit verbesserter Technologie gegen Raketenangriffe ausgestattet werden.

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