Rechtsruck bei Parlamentswahl
Island zeigt der EU die rote Karte

Bei der Wahl in Island wurden die Uhren zurückgestellt: Konservative und Liberale kehren in die Regierung zurück. Genau sie hatten das Land einst in die Bankenkrise geführt - und von Europa wollen sie nichts mehr wissen.
  • 17

StockholmBjarni Benediktsson hatte gut Lachen. Seine Unabhängigkeitspartei zählt zusammen mit der Fortschrittspartei zu den großen Siegern bei den Parlamentswahlen auf Island. Zusammen kommen die beiden bürgerlichen Parteien auf eine absolute Mehrheit und können allein eine neue Regierungskoalition bilden. Der ehemalige Fussball-Profi und Rechtsanwalt Benediktsson kann sich damit Hoffnung auf das Amt des Regierungschefs machen. Der 43-jährige, der unter anderem in Deutschland Jura studiert hat, kündigte noch in der Wahlnacht eine Kursänderung an. „Wir werden einen Weg  einschlagen, der zu mehr Wachstum und sozialer Sicherheit führt“, versprach er.

Und nicht nur das: Auch der von einer großen Mehrheit der Isländer argwöhnisch beobachtete Annäherungskurs an die EU wird unter ihm gestoppt. Bereits vor den Wahlen hatte er wie auch der Vorsitzende der Fortschrittspartei mehrfach angekündigt, die Beitrittsverhandlungen, die sowieso schon seit Januar dieses Jahres in Erwartung der Wahlen gestoppt wurden, ganz einzustellen.

Mit ihren Stimmzetteln haben die knapp 240 000 wahlberechtigten Isländer der bisherigen rot-grünen Koalition unter der 70-jährigen Johanna Sigurdardottir die rote Karte gezeigt. Und das, obwohl die Sozialdemokraten zusammen mit den Grünen in den vergangenen vier Jahren das Land, das Ende 2008 am Abgrund stand, wieder aus der Krise geführt haben.

Gleichzeitig haben die Wähler mit der Unabhängigkeitspartei und der Fortschrittspartei die Gruppierung wieder in die Regierungsverantwortung gehoben, die mit ihrer Liberalisierungspolitik für den finanziellen Kollaps des Inselstaates im Nordatlantik mitverantwortlich waren.

Die Wähler hätten halt nur ein kurzes Gedächtnis, meinte resigniert ein Sozialdemokrat am Sonntagmorgen. Tatsächlich hat die rot-grüne Regierung in den vergangenen vier Jahren vieles richtig gemacht und ist ausdrücklich von Internationalen Währungsfonds, der EU, Rating-Agenturen und angesehenen Ökonomen für ihre Politik gelobt worden.

Island war im Herbst 2008 an den Rand eines Staatsruins geraten, nachdem sich die drei größten Banken des Landes mit zügellosen Übernahmen in ganz Europa überhoben hatten. Nur ein Milliarden-Notkredit des Währungsfonds und einiger nordeuropäischer Länder konnte das 320 000-Einwohner-Land vor der Staatspleite retten.

Kommentare zu " Rechtsruck bei Parlamentswahl: Island zeigt der EU die rote Karte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Genau sie hatten das Land einst in die Bankenkrise geführt - und von Europa wollen sie nichts mehr wissen."

    Und wer führt Deutschland zu immer höheren Schuldenbergen? Kann ich jetzt im Umkehrschluß davon ausgehen, das der deutsche Einheitsparteinbrei im September Geschichte wird? Ein schöner Traum...

  • @JEB
    Ja, da haben Sie aber den Finger in die Wunde gelegt. Sehr viele in Deutschland denken so und sind höchst erfreut über die AfD. Es sind viel mehr als uns die beiden öffentlich rechtliche Parteiorgane glauben machen will. Der Quatsch und die Intolleranz gegenüber dem DENKEN wird aber wohl erst nach der nächsten Bundestagswahl aufhören. Hier hat Dirk Müller den Punkt getroffen mit "Die Leute haben die Schnauze voll." Bleibt nur zu ergänzen: "Und die Etablierten haben die Hosen voll."

  • Man sieht es den blassierten Jünglingen schon an der Nasenspitze an, sie wollen wieder das große Rad drehen.
    Offensichtlich ist doch der Wähler in der Masse reichlich
    dumm und hat deshalb auch kein Verständnis verdient.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%