Redemarathon und Randale
Gaddafis Eklat entsetzt die Uno

Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi hat ein Gespür für Provokationen. Doch sein Auftritt vor der Uno-Vollversammlung am Mittwoch ist selbst für den Exzentriker ein neuer Höhepunkt. Erst zeriss er die Uno-Charta, dann überzieht er seine Redenszeit – und kann sich dabei noch auf die Höflichkeitsregeln des Gremiums berufen.

NEW YORK. Es war ein programmierter Eklat: Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi lieferte vor der Uno-Vollversammlung eine weitschweifige Wutrede ab, die in die Annalen der Weltorganisation eingehen wird. Der bizarre Höhepunkt der Aufführung am Mittwoch: Der Herrscher des Wüstenstaates zerriss einige Seiten der Uno-Charta.

Begonnen hat der Polit-Klamauk mit einiger Verzögerung, in Erwartung der Gaddafi-Einlassungen brach im Saal Unruhe aus. Als der Protagonist leicht verärgert zum Pult schreitet, um erstmals vor der Vollversammlung das Wort zu ergreifen, empfängt ihn nur spärlicher Applaus. Sein Vorredner, US-Präsident Barack Obama, hingegen, erntete Ovationen. Vorstellen lässt er sich als „König von Afrika“ und „König der Könige“.

Um Punkt 11 Uhr beginnt der Exzentriker mit seinen Betrachtungen, die ihn vom Zweiten Weltkrieg über den Kapitalismus bis zu der Exekution Saddam Husseins führen. Als zentrale Botschaft hinterließ Gaddafi seine Forderung nach Abschaffung des Uno-Sicherheitsrates. Die Vetomächte des obersten Uno-Gremiums konstituierten in Wirklichkeit einen „Terrorrat“ und symbolisierten die krasse Ungerechtigkeit des Uno-Systems. In der Präambel der Charta heiße es: Alle Staaten seien gleich, ob groß oder klein. Um seine Message zu unterstreichen, zerriss Gaddafi die Seiten der Charta.

Sichtliche Irritationen löste Gaddafi auch aus, als er sich Barack Obama als US-Präsident auf Lebenszeit wünschte. „Habt ihr seine Rede gehört?“ fragte der Diktator ins Rund. Obama sei komplett anders als alle Präsidenten vor ihm. „Gaddafi glaubt wohl, sowie in Libyen könnte es überall zugehen“, raunte ein Zuhörer. Tatsächlich herrscht der „Wüstenfuchs“ seit 40 Jahren in seiner Heimat.

Als weitere Neuerung verlangte Gaddafi eine Verlegung des Uno-Sitzes weg von New York – die US-Metropole sei durch Terroristen gefährdet. Als Gaddafi seine Rede beendet, ruft er ein freundliches „Friede sei mit Euch“ in den Saal, ordnet sein bräunliches Gewand mit dem Afrika-Sticker und verschwindet strahlend und winkend in den Kulissen des Uno-Glaspalastes. Mehr als 90 Minuten strapazierte Gaddafi die Nerven der Delegierten.

Die Forderungen des Wüstensohnes könnten aber Folgen haben. Libyen hat bis September 2010 den Vorsitz der Uno-Vollversammlung inne – Gaddafi ließ wissen, dass er in dem Gremium über seine radikalen Reformideen abstimmen lassen will. Die überlange Rede war schon mal ein Vorgeschmack auf die kommenden Monate – eigentlich hätte der libysche Präsident der Vollversammlung den Sprechmarathon seines Herrn Gaddafi abbrechen müssen. Jeder Staatsmann soll nicht länger als zehn bis 15 Minuten reden. Allerdings gebieten es die Höflichkeitsregeln der Uno, dass kein Redner unterbrochen werden darf.

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