Religiöse Rechte in Amerika
Ist Gott Linkshänder?

Die religiöse Rechte in Amerika war es, die mit ihren Kampagnen maßgeblich daran beteiligt war, dass George W. Bush zweimal zum Präsidenten gewählt würde. Doch Bushs traditionelle Wählerbasis zeigt Auflösungserscheinungen. Eine Handelsblatt-Reportage.

ATLANTA. Er war der Königsmacher mit dem sanften Puppengesicht eines Chorknaben. Die Grassroots-Kampagnen der Christian Coalition, die er einst organisierte, verhalfen den Republikanern zur Kontrolle über den Kongress und George W. Bush zweimal zur Präsidentschaft. Er etablierte die religiöse Rechte in Amerika als Machtfaktor und nährte liberale Ängste vor einem theokratischen Umsturz. Das „Time Magazine“ hob 1995 den damals 33-Jährigen auf das Cover und titelte: „Die rechte Hand Gottes“. Doch nun stellen sich Amerikas konservative Christen die Frage: Ist Gott vielleicht Linkshänder?

Ralph Reed, der Königsmacher, hat vor kurzem zum ersten Mal selbst für ein politisches Amt kandidiert – für den Posten des Vize-Gouverneurs in seiner Heimat Georgia. Und bereits bei den republikanischen Vorwahlen haushoch verloren. Amerikas Medien sehen in Reeds Niederlage einen Trend: Die religiöse Rechte in Amerika, die traditionelle Wählerbasis von George Bush, zeigt Auflösungserscheinungen.

Kerngruppe der religiösen Rechten sind die konservativen Protestanten, die sich streng nach der Bibel richten. Aber auch konservative Katholiken und Juden haben es sich zum Ziel gesetzt, traditionelle Werte gegen die Moderne zu verteidigen. Flaggschiff der religiösen Rechten ist die Christian Coalition mit rund 1,7 Millionen Mitgliedern.

Deren ehemaliger Geschäftsführer Ralph Reed, früher auch Vorsitzender der Republikanischen Partei in Georgia, war das Werbegesicht der christlichen Konservativen – bis zu seiner Niederlage bei den Vorwahlen zum Vize-Gouverneur vor wenigen Wochen. Reed hatte fest mit einem Sieg gerechnet, der ihn eines Tages bis nach Washington hätte weitertragen sollen. Ralph würde „entweder Präsident der Vereinigten Staaten werden oder Al Capone“, prophezeite einst seine Mutter. Doch jetzt ist Reed erst einmal von der politischen Bildfläche verschwunden.

Was war geschehen? Offenbar hatten Reeds Anhänger ihm seine Verbindung zu Jack Abramoff nicht verziehen, dem Super-Lobbyisten in Washington, der wegen Betrugs verurteilt wurde, der Abgeordnete und Senatoren bestochen haben soll und demnächst in mehreren Korruptionsprozessen aussagen muss. Reed und Abramoff sind seit College-Tagen befreundet.

Reed verließ die Christian Coalition 1997 und gründete seine eigene Consulting-Firma. Von Abramoff hatte sich Reed für eine Kampagne gegen Spielcasinos in einem Indianerreservat anheuern lassen. Ein Auftrag, so schien es, wie maßgeschneidert: Glücksspiel, hatte Reed einst gewettert, sei ein „Tumor der Gesellschaft“. Doch die Sache hatte einen Haken: Das Honorar für Reeds Kampagne kam, wie sich herausstellte, von einem anderen Indianerstamm, der seinen Wettbewerber ausschalten wollte. Die religiösen Republikaner beschimpften Reed, den Verfechter von Glaube und Familie, daraufhin als Heuchler.

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