Revolutions-Mythos
Nicaragua: Abklatsch in Zartrosa

Nach 17 Jahren in der Opposition ist die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) in Nicaragua wieder an der Macht. Doch mit der Partei, die im Jahre 1979 unter dem Jubel Hunderttausender nach Managua einzog, hat die FSLN nicht mehr viel gemein. Der Mythos ist verblasst, die einstigen Ideale sind einer korrupten Machtpolitik gewichen.

MANAGUA. In seinem schlicht eingerichteten Haus in Managua sitzt Ernesto Cardenal im Schaukelstuhl und zürnt – dem nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega, den die Macht korrumpiert habe, manchen Kadern seiner alten Partei, der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN), die sich schamlos bereichert hätten, und vor allem der Politik der neuen sandinistischen Regierung, die seit 2007 wieder an der Macht ist. „Es ist nichts geblieben von der Revolution“, sagt der Dichter und Priester Cardenal. „Nichts ist mehr links, nichts ist mehr sandinistisch.“ Ortega, seine Frau und seine Söhne kontrollierten die Justiz, das Parlament, die Wahlbehörde, schimpft der 84-Jährige. „Es ist eine Familiendiktatur.“

So wie Cardenal, einst Kulturminister der FSLN, haben sich die meisten der einstigen Weggefährten schon lange von Ortega und der Partei abgewandt. Etwa Ex-Vizepräsident Sergio Ramírez, der am 19. Juli 1979 Seite an Seite mit Ortega und Cardenal als siegreicher Revolutionär auf einem Feuerwehrwagen unter dem Jubel Hunderttausender in Managua eingezogen war. Heute hält er Ortega nur noch für einen lateinamerikanischen Caudillo.

Dieses Urteil will „Comandante Cero“ nicht gelten lassen. Der 72-Jährige, der eigentlich Edén Pastora heißt, thront in einem Holzhaus nahe des Managua-Sees hinter einem riesigen Holzschreibtisch: „Die haben doch die Revolution vor die Hunde gehen lassen“, sagt er, und meint damit die Ramiréz‘ und Cardenals. „Erst waren sie die radikalsten, jetzt sind sie die bürgerlichsten.“ Der einzige, der immer die Revolution verteidigt habe, sei Ortega. Deshalb habe das Volk ihm eine zweite Chance gegeben und ihn nach seiner ersten Amtszeit von 1985 bis 1990 Ende 2006 erneut zum Präsidenten gewählt.

Mit „Comandante Cero“ als Kronzeugen für die Revolution ist es aber so eine Sache. In den vergangenen 30 Jahren hat Pastora mehrfach die Seiten gewechselt. Erst verhalf er der Revolution zum Sieg und erlangte Berühmtheit, als er das Kommando anführte, das am 22. August 1978 den Nationalpalast stürmte, gefangene Guerilleros freipresste und damit das Ende der Somoza-Diktatur einläutete. Nach dem Sieg der Revolution reihte er sich bei den Contras ein und feuerte gegen die Sandinisten. Heute ist Pastora Bürokrat im Auftrag der Regierung und für die Ausbaggerung des Rio San Juan zuständig. 1 500 Dollar zahlt ihm Ortegas Regierung dafür im Monat, ein fürstliches Frühstücksdirektor-Gehalt im zweitärmsten Land Lateinamerikas.

Viele frühere Kader hätten mit der Niederlage bei der Wahl 1990 auch die Moral und die hehren Ideale der Revolution verloren, sagt der Dichter Cardenal. Damals hatten die Menschen in Nicaragua genug von neun Jahren Bürgerkrieg gegen die von den USA unterstützen Contras und wählten die Sandinisten ab. Viele FSLN-Kader starteten damals ihren letzten Feldzug und sicherten sich vor dem Machtwechsel Häuser, Fabriken, Ländereien. „Spätestens da war die Revolution vorbei“, so Cardenal.

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