Rom gleicht mittlerweile einem politischen Tollhaus
Berlusconi gerät von einer Turbulenz in die nächste

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist immer für eine Überraschung gut. Während sich in Rom seine Koalitionspartner in den Haaren lagen und zu allem Überdruss Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Italien-Besuch absagte, hielt sich Berlusconi gemütlich in Positano an der Amalfi-Küste auf. Dort hatte Schröder übrigens vor vier Jahren seinen Sommerurlaub verbracht.

HB/dpa ROM. Der italienische Regierungschef ging gemütlich Eis essen und unterhielt sich lange mit dem Regisseur Franco Zeffirelli, der zu seinen engsten Freunden zählt. Erst am Mittwochabend schwebte er per Hubschrauber wieder in Rom ein, das mittlerweile einem politischen Tollhaus glich.

Berlusconi tat vorerst so, als ginge ihn die Krise mit seinen Regierungspartnern und mit Deutschland nur am Rande etwas an. „Es tut mir leid für ihn“, lautete der lakonische Kommentar des ansonsten in seinem Rededrang kaum zu bremsenden Berlusconi über die Entscheidung Schröders, lieber daheim in Hannover zu bleiben. Und auch seine eigene Regierung bedachte er mit einer seiner berühmt-berüchtigten „ironischen“ Bemerkungen. „Ich wollte die Jungs sich austoben lassen“, sagte er zu den verbalen Scharmützeln innerhalb seines Kabinetts. „Die Koalitionspartner haben diese Bemerkung nicht goutiert“, hieß es in den italienische Medien am Donnerstag.

Erst in einer der von ihm so geliebten mitternächtlichen Sitzungen befasste sich dann Berlusconi mit der politischen Lage. Und die sieht nicht allzu rosig aus. Seit Beginn der EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli musste Berlusconi miterleben, wie er von einer Turbulenz in die nächste geriet. Der Eklat im Europaparlament, wo er dem SPD- Abgeordneten Martin Schulz eine Filmrolle in einem KZ-Film angetragen hatte, machte den Anfang. Nachdem Schröder die - von Berlusconi keck bestrittene - Entschuldigung für die Entgleisung akzeptiert hatte, folgte sogleich der nächste Streich.

Eine Schimpftirade gegen die Deutschen im allgemeinen und Schulz im besonderen, die der Tourismus-Staatssekretär Stefano Stefani im weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinenden Lega Nord-Kampfblatt „La Padania“ vom Leder gelassen hatte, eroberte mit etwas Verzögerung die Schlagzeilen. Berlusconi ging prompt auf Tauchstation, während die Masse der Italiener kaum etwas davon erfuhr - die mehrheitlich unter Berlusconis Kontrolle befindlichen Medien berichteten äußerst verhalten über die Affäre. Stefani selbst machte derweil alles noch schlimmer, indem er eine Entschuldigung ausschloss.

Berlusconi hätte sich zwar wie andere Minister von Stefanis Beschimpfungen distanzieren können, doch entlassen hätte er den Staatssekretär nach Einschätzung politischer Kommentatoren nicht können - das hätte wohl der Lega Nord den Vorwand geliefert, die Koalition platzen zu lassen. Aus anderen Gründen steht jetzt aber die Regierung ohnedies am Rande des Abgrunds - die nächste Turbulenz, durch die Berlusconi hindurch muss.

Die Koalitionspartner seiner Partei Forza Italia sind allesamt stinksauer. Die ex-faschistische Nationalallianz und die Zentrumspartei UDC fordern seit Wochen eine Regierungsumbildung - die ihnen klarerweise mehr Regierungsposten bringen sollte. Die Lega Nord wirft derweil allen vor, die versprochenen Reformen zu blockieren und droht nicht zum ersten Mal mit einer Regierungskrise.

Die Mitte-Links-Opposition wähnt Berlusconis Regierung schon am Ende, doch Kenner der italienischen Innenpolitik sind da vorsichtiger. In der Regierung sei jeder auf jeden angewiesen, an Neuwahlen sei keiner Interessiert, lautet ihre Einschätzung. Trotzdem rechnet fast jeder in Italien mit weiteren Turbulenzen für den erst seit etwas mehr als zwei Jahren regierenden Berlusconi.

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