Rüstungsausgaben
Steht Südamerika vor Wettrüsten?

Paris, Moskau, Washington – der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim ist seit Jahresbeginn zum Vielreisenden geworden. Der umtriebige Minister schaut sich bei den großen Rüstungsproduzenten weltweit nach Angeboten um. Er will die brasilianischen Militärs mit neuestem Gerät ausstatten. Doch Brasilien ist bei weitem kein Einzelfall.

SÃO PAULO. Bis September wird Jobim einen neuen Verteidigungsplan für die brasilianischen Streitkräfte vorstellen. Auf umgerechnet zehn Milliarden Euro soll der Etat dieses Jahr steigen – und damit fast verdoppelt werden. Als größte Einzelposten will Brasilien 1,1 Mrd. Dollar für neue Kampfjäger ausgeben und eine Flotte von sechs U-Booten kaufen.

Damit steht Brasilien, das rund die Hälfte der südamerikanischen Militärkraft auf sich konzentriert, jedoch auf dem Kontinent nicht alleine da. Auch Chile (plus 67 Prozent), Kolumbien (plus 33 Prozent) und Venezuela (plus 67 Prozent) haben im gleichen Zeitraum ihre Rüstungsausgaben massiv gesteigert. Venezuela ist unter Präsident Hugo Chávez 2006 nach Pakistan, Indien und Saudi-Arabien sogar auf Platz 4 der weltweiten Rüstungseinkäufer unter den Entwicklungsländern aufgestiegen. Chile und Kolumbien haben mit Rüstungsausgaben von 3,6 bzw. vier Prozent vom Bruttosozialprodukt auch im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hohe Militärausgaben. Anfang März kam es nach einem Grenzkonflikt zwischen Ecuador und Kolumbien kurzzeitig sogar zu Säbelrasseln in Südamerika: Venezuela und Ecuador verstärkten ihre militärische Präsenz an ihren Grenzen zu Kolumbien, nachdem kolumbianische Militärs einen Guerilla-Führer auf ecuadorianischem Territorium erschossen hatten.

Setzt sich in Südamerika dass schon seit mehr als hundert Jahren keinen größeren Krieg mehr erlebt hat, eine Rüstungsspirale in Gang? „Alte Ängste werden schnell geweckt, wenn Nachbarn aufrüsten“, beobachtet der argentinische Militärexperte Diego Fleitas. So erscheint in Südamerika vielfach Venezuelas Präsident Hugo Chávez als derjenige, der das Wettrüsten ausgelöst haben könnte. Seit 2005 hat Chávez rund vier Mrd. Dollar in Sukhoi-Jäger, Helikopter und Sturmgewehre aus Russland investiert.

Die meisten Experten glauben jedoch nicht an ein Wettrüsten in Südamerika. „Trotz der steigenden Ausgaben der Militärs entsteht hier kein Bedrohungsszenario", sagt Wilhelm Hofmeister von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro, „die Aufrüstungen haben meist nationale Gründe und sind keine Reaktionen auf nachbarschaftliche Waffenkäufe.“ So investiert Chile traditionell in seine Streitkräfte, weil zehn Prozent der Kupfer-Exporteinnahmen per Verfassung an die Militärs für Waffenkäufe abgeführt werden. In Kolumbien unterstützt die USA seit 2000 die Streitkräfte mit jährlich einer Mrd. Dollar im Kampf gegen die Narco-Guerilla. Brasilien hat seit Ende der Militärdiktatur 1989 die Streitkräfte kurz gehalten und will nun mit dem steigenden Steuereineinnahmen auch die Militärs modernisieren. „Zum Selbstbewusstsein Brasiliens als Großmacht gehört eine entsprechend ausgerüstete Armee“, sagt Hofmeister.

Wegen der größeren Rüstungsetats in Südamerika hat unter den Rüstungslieferanten weltweit ein harter Wettbewerb um den Markt eingesetzt. Dabei haben erstmals vor allem US-Unternehmen Schwierigkeiten an Aufträge zu kommen, denn die Südamerikaner wollen nicht nur kaufen, sondern möglichst auch selber bauen. Unter Südamerikas Militärs gelten die US-Konzerne als zu restriktiv beim Technologie-Transfer. Dennoch bot der französische Präsident kurz zuvor den Brasilianern sogar die Blaupause für U-Boote an, nach denen sich Brasilien eine eigene atombetriebene U-Boot-Flotte aufbauen könnte.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%