Russlands Antwort auf EU-Sanktionen
Große Klappe, wenig dahinter

„Wie Du mir, so ich Dir“, sagt Moskau und antwortet auf die EU-Sanktionen mit Importstopps. Mehr noch – der Kreml droht mit einer Erhöhung der Energiepreise. Doch die Krux ist: Russland kann sich das gar nicht leisten.
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DüsseldorfDer erste Gegenschlag trifft die Obst- und Gemüsebauern in Polen und der Ukraine. Die Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union gegen Russland sind noch nicht offiziell in Kraft, da verkündet Moskau ein Einfuhrverbot für ukrainische Säfte sowie polnisches Obst und Gemüse. Begründet wird dies mit nicht eingehaltenen Hygienevorschriften. Der polnische Landwirtschaftsminister spricht von einer politischen Entscheidung der russischen Agrarbehörde. Die polnischen Obst- und Gemüsebauern seien das „erste Opfer der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland“.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew kennen sie die russische Nadelstich-Taktik bereits. Seit sich das Land für das EU-Assoziierungsabkommen ausgesprochen hat, bekommt es Importbeschränkungen zu spüren. An diesem Donnerstag traf es Säfte, zuvor hatte Russland schon ein Embargo auf Milchprodukte verhängt. Und als der ukrainische „Schokoladen-Zar“ Petro Poroschenko seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, entdeckte Russland Gesundheitsrisiken in den Produkten seines Süßwaren-Imperiums und untersagte die Einfuhr.

Die schwerwiegendste Drohung kommt jedoch aus dem russischen Außenministerium: Dort denkt man nach dem „verantwortungslosen Schritt“ der EU laut über eine Erhöhung der Energiepreise nach. Was Europa an einer empfindlichen Stelle treffen würde: Deutschland und die EU decken rund ein Drittel ihres Energiebedarfs aus Russland, einige osteuropäische Länder beziehen ihre Versorgung fast völlig vom russischen Monopolisten Gazprom.

„Grundsätzlich würde sich bei einem solchen Schritt im Winter vor allem das Heizen mit Gas und Öl verteuern, zudem könnten höhere Ölpreise zu steigenden Benzinpreisen führen“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Die Frage ist allerdings, ob sich das überhaupt umsetzen lässt“, sagt Kemfert und verweist auf geltende Verträge mit den europäischen Kunden mit zumeist langen Laufzeiten.

Sie zweifelt aber noch aus einem anderen Grund an der Ernsthaftigkeit der russischen Drohung: Die aktuelle Situation auf dem Energiemarkt spielt den Europäern in die Hände. „Es gibt ausreichend Öl und Gas auf den Weltmärkten. Es ist zu erwarten, dass man in Europa und auch in Deutschland Ausweichreaktionen sehen wird, das Gas und Öl teilweise aus anderen Ländern bezogen wird“, sagt Kemfert. „Das würde somit eher der russischen Wirtschaft schaden.“

Fakt ist, dass Deutschland für den mächtigen Gazprom-Konzern Absatzmarkt Nummer eins ist. 2012 war die Bundesrepublik unter 31 Zielländern mit 34 Milliarden Kubikmetern Erdgas der Hauptabnehmer, gefolgt von der Ukraine (32,9), der Türkei (27,0) und Weißrussland (19,7). Insgesamt stammten 37 Prozent des importierten Erdgases und Erdöls aus Russland, 2013 waren es beim Gas 38,7 und beim Öl 34,8 Prozent, berichtet das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.

Zudem kann der Kreml nicht so einfach an der Preisschraube drehen. Der Ölpreis ließe sich nur über das Angebot verändern, erläutert ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV). Die Krux: Nur Saudi-Arabien kann es sich leisten, frei über die eigene Förderkapazität zu entscheiden. „Alle anderen Produzenten – auch Russland – müssen voll fahren, weil sie die Einnahmen für den Staatshaushalt brauchen.“ Die Einnahmen aus Ölexporten machen in Russland etwa 50 Prozent des Staatshaushaltes aus, die Gasexporte wirken sich mit fünf Prozent in der Bilanz aus.

Eine Auflistung des Beratungsbüros EnergyComment zeigt, wie sich auf russischer Seite die Einnahmen der russischen Volkswirtschaft dank des Exports fossiler Energieträger entwickelt haben. Die Mitarbeiter von EnergyComment untersuchen die Veränderungen der internationalen Energiepreise und Energiemärkte. Danach sind die Exporteinnahmen beim Erdgas in Russland von 20 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf 68 Milliarden Dollar im Jahr 2012 gestiegen (in Preisen des jeweiligen Jahres). 2013 hätten sie noch einmal zugelegt.

Die Summen verblassten jedoch vor den Exporterlösen aus Rohöl und Ölprodukten. Hier stiegen die Einnahmen von 44 Milliarden Dollar (2002) auf 290 Milliarden Dollar (2012).

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  • Ich hätte das gleiche Zitat aufgegriffen und die Frage gestellt, was passiert, wenn Russland an einem kalten Wintertag den Gas zudreht?

    Heizen die deutschen Verbraucher mit Akten der EU oder geben sie den EU-Beamten und verantwortungslosen Entscheidern selbst Feuer.

    Ich gehe davon aus, dass es bereits jetzt beschlossene Sache ist, die Russen höhere Energiepreise durchsetzen, mehr Steuern kassieren und die Bürger mehr zahlen.

    Ich möchte aber keine Prognose dafür abgeben, was die Bürger mit den EU-Beamten machen, wenn dies tatsächlich eintreten sollte.

    Für mich steht der Sieger auch schon fest. Das bisschen Druck hält Putin und die Russen mit der linken "..."-Backe aus.

  • Ja, an den Börsen kann man Unmengen von Gas kaufen. Das Problem ist die Lieferung. Oder wird schon aus den Kellern der COMEX über den Zapfhahn geliefert.

  • Nicht vergessen : Ein verwundeter Bär ist besonders gefährlich !

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