Schäuble und Lagarde
„Die Globalisierung ist nicht das Problem der USA“

Auf einer Diskussionsveranstaltung der „Zeit“ haben Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und IWF-Chefin Christine Lagarde für den Freihandel geworben – Hauptadressat der Appelle war US-Präsident Donald Trump.
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HamburgWie geht es hinter den Kulissen beim Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs aus den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zu? Eine Frage, die alle interessiert, die aber niemand, der nicht dabei sein darf, wirklich beantworten kann. Um der Öffentlichkeit dennoch einen kleinen Einblick in das Fingerhakeln der Mächtigen zu geben, tat „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe bei einer Diskussionsveranstaltung der Wochenzeitung mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und IWF-Chefin Christine Lagarde einfach so, als würde der Gipfel auf offener Bühne ausgetragen: „Wie würden Sie Donald Trump vom Segen des Freihandels überzeugen?“, fragte Joffe die beiden verdutzten Politiker.

Lagarde nahm die Herausforderung an und versuchte es mit Fakten: „Der Wohlstand der Industrieländer hat sich in den vergangenen 30 Jahren durch den freien Handel verdoppelt“, sagte die Französin, „das Einkommen der Schwellenländer hat sich sogar verdreifacht.“ Es sei zudem nicht der Freihandel, der den amerikanischen Industriearbeitern die Jobs stehle, sondern die neuen Technologien. Tatsächlich schätzen Experten, dass rund 80 Prozent der in den USA in den vergangenen Jahren weggefallenen Industriearbeitsplätze durch neue Technologien und nicht durch Billigimporte verlorengegangen sind.

Schäuble nahm die Vorlage seiner langjährigen Kollegin gerne auf: „Die Globalisierung ist nicht das Problem der USA. Die Probleme der Amerikaner können sie nur selbst lösen.“ Er sei sich sicher, dass Kanzlerin Angela Merkel den US-Präsidenten davon überzeugen könnte, sagte der Deutsche mit einem Lächeln, dass wohl seine Zweifel verbergen sollte.

Mit Schäuble und Lagarde präsentierten sich am Rande des Gipfels in Hamburg zwei überzeugte Globalisten, die fest daran glauben, dass sich globale Probleme wie Finanzkrisen oder Pandemien nur durch internationale Kooperation lösen lassen. Trump hingegen huldigt unter dem Motto „America First“ einem wirtschaftlichen Nationalismus. Ob sich zwischen diesen Positionen am Ende des G20-Gipfels an der Elbe doch noch ein kleiner gemeinsamer Nenner finden lässt, stand auch nach dem ersten Treffen zwischen Merkel und Trump am Donnerstagabend immer noch nicht fest.

Schäuble machte deutlich, dass man sich in Berlin bereits nach anderen Partnern umschaut, um die Handelsgrenzen offen zu halten. „China war im vergangenen Jahr bereits unser größter Handelspartner“, erinnerte der Finanzminister.

Einig waren sich Lagarde und Schäuble auch beim Thema Brexit: Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU sei ein Fehler. Beide machten aber auch deutlich, dass man die Tür für die Briten offen halten werde.

Selbst bei der Lösung der Eurokrise gingen der Sparkommissar aus Deutschland und die IWF-Chef aufeinander zu. „Es wird zu einer verstärken Teilung von Risiken in Europa kommen“, räumte Schäuble ein, „aber zuvor müssen die Risiken reduziert werden.“ Die Wahl von Emmanuel Macron biete Europa eine neue Chance, sagte der CDU-Politiker. Lagarde sprach gar von der „Stunde der Eurozone“, die es zu nutzen gelte.

Bei so viel Harmonie gingen die Differenzen zwischen dem IWF und der Bundesregierung über die deutschen Exportüberschüsse fast unter. „Man kann den Deutschen nicht „par ordre du mufti“ befehlen, mehr Produkte aus Italien oder Frankreich zu kaufen“, sagte Schäuble. Lagarde hielt mit einem charmanten Lächeln und ökonomischer Vernunft dagegen: „Aber die Deutschen müssen weniger sparen und mehr investieren.“

Sollte der wirkliche G20-Gipfel auch so harmonisch verlaufen, wäre die Welt nach dem Treffen der Mächtigen in Hamburg in einem besseren Zustand.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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