Schüsse auf das Auto des einstigen russischen Vizepremiers
Moskaus Ex-Reformer Tschubais entgeht knapp einem Anschlag

Der Chef des größten russischen Stromversorgers, RAO UES, Anatolij Tschubais, ist am Donnerstag nur knapp einem Attentat entkommen. Sein Wagen wurde auf dem Weg nach Moskau beschossen, zeitgleich zündete in unmittelbarer Nähe seines Fahrzeuges ein Sprengsatz. Tschubais und seine Leibwächter blieben unverletzt, die Täter konnten fliehen.

mzi BERLIN. Auf den Anschlag – nach Angaben von Tschubais der insgesamt vierte auf seine Person – haben Beobachter mit Überraschung reagiert. Denn Tschubais hatte sich in den letzten Jahren sowohl auf den Feldern der Politik wie auch der Wirtschaft weitgehend zurück gehalten. Als Vorsitzender des Stromkonzerns RAO UES beschränkte er sich auffallend auf seine Rolle als Unternehmenslenker – wenngleich seinen Bemühungen, das Unternehmen zu reformieren, nur begrenzter Erfolg beschieden war.

In weiten Teilen der Bevölkerung wird Tschubais aber nach wie vor für seine Funktion als Privatisierer während der Ära von Boris Jelzin kritisiert. Der 49-Jährige, der in wechselnden Rollen Finanzminister, Vizepremier oder graue Eminenz im Kreml war, gilt gemeinsam mit Jegor Gajdar als Wegbereiter des Oligarchenstaates der 90er Jahre. In dieser Phase, als der russische Staat dringend auf Veräußerungsgewinne angewiesen war, wurde Staatsvermögen zu niedrigen Preisen an einige wenige Geschäftsleute in umstrittenen Auktionen versteigert. Unter Wladimir Putin wird seit Jahren versucht, einige der damaligen Sündenfälle – allerdings auf rechtlich zweifelhafte Weise – zu korrigieren. Den Höhepunkt der Kampagne bezeichnet dabei die Zerschlagung des Yukos-Firmenimperiums von Michail Chodorkowskij. Chodorkowskij gehörte mit seiner Menatep-Bank zu den damaligen Nutznießern der Privatisierung.

Tschubais ist politisch als stellvertretender Vorsitzender zwar noch bei der Partei SPS, der Union der rechten Kräfte, engagiert. Doch auch hier hat er sich etwa im Präsidentschaftswahlkampf 2004 gegen eine direkte Konfrontation mit Wladimir Putin gewandt. In der Konsequenz versagte die SPS ihre Unterstützung für die liberale Kandidatin Irina Hakamada, die sich auf eine radikale Opposition zu Putin festgelegt hatte.

Möglicherweise als Ausgleich für seine politische Abstinenz blieb Tschubais bislang von Angriffen auf seine starke Position in der Geschäftswelt verschont. Da ihm zudem auch nicht persönliche Bereicherungen nachgewiesen werden konnte, trieb Tschubais den Umbau seines Stromkonzerns weitgehend unbehelligt voran. Ärger bekam der Ökonom allerdings in der Auseinandersetzung mit den regionalen Gouverneueren.

Nur schleppend – zu schleppend für Tschubais – vollzog sich die Entflechtung von Produktion und Verteilung des Stroms. Zwar ist diese Phase inzwischen weitgehend abgeschlossen. Doch in weiteren Schritten sollen regionale Energieversorgungsunternehmen (EVU) gebildet und privatisiert werden. Hier dürfte es erneut zu einem Ringen zwischen der Stellung von RAO UES und den Regionalunternehmen kommen. Eine Reihe von Gouverneuren wehrt sich bereits dagegen, dass die großen regionalen Kraftwerke unter der Kontrolle von UES, die weniger attraktiven Teile aber in der Hand der regionalen EVU’s bleiben sollen.

In Konflikt ist Tschubais aber auch schon mehrfach mit dem russischen Staat geraten. So stoppte Premier Michail Fradkow die von Tschubais geplante Teilprivatisierung seines mehrheitlich in Staatshand befindlichen Unternehmens, so lange unklar sei, wer die Käufer sein könnten.

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