Schuh-Attacke auf Premier Wen
China: Und wieder vorbei ...

Erst warf ein Kritiker Chinas Premier Wen Jiabao das Wort „Diktator“ an den Kopf, dann zielte er mit seinem Schuh auf den Regierungschef. Die 1,3 Milliarden Chinesen hätten von dem „Zwischenfall“ beinahe nichts mitbekommen. Doch es gibt ja das Internet.

PEKING. Die Presseabteilung des chinesischen Außenministeriums hatte gestern eine echte Höchstleistung zu vollbringen. Wie verurteilt man etwas öffentlich auf das Schärfste, was man zugleich seinem 1,3-MilliardenVolk – zumindest vorerst – verschwiegen hat? Das brachte selbst die geübten Pekinger Propagandastrategen in Formulierungsnöte. Und so sprach das Ministerium nebulös von einem „Zwischenfall“, der Premier Wen Jiabao bei seiner Rede in der britischen Universitätsstadt Cambridge unterbrochen habe. Was tatsächlich passiert war, erfuhr in China aus den Staatsmedien lange niemand – erst am Abend mit den Nachrichten änderte sich das. Es ging wohl nicht mehr anders.

Denn viele Chinesen hatten längst mitbekommen, dass im fernen Europa jemand einen ausgelatschten Turnschuh auf ihren Regierungschef geworfen hatte. Im Internet war die Szene auf Youtube oder auf Ku6.com zu sehen, meist ungekürzt und mit Ton. Dabei ist das Wort „Diktator“, das der Demonstrant dem Ministerpräsidenten zuvor an den Kopf geworfen hatte, deutlich zu hören. Der Schuh jedoch war so schlecht gezielt, dass er gut einen Meter neben dem chinesischen Premier auf die Bühne fiel. Ganz anders als bei der Schuh-Attacke auf George W. Bush im Dezember in Bagdad, über die ganz China herzlich lachte. Der damalige US-Präsident konnte da nur durch rasches Abducken ausweichen.

Vielleicht war es in Cambridge der schlechte Wurf. Vielleicht lag es einfach nur an der Unerfahrenheit der chinesischen Politiker im hautnahen Kontakt mit der Opposition – Wen Jiabao war zwar einen kurzen Moment sprachlos, setzte dann aber seine Rede fort, ohne eine Miene zu verziehen.

Die Attacke war in den offiziellen chinesischen Medien den Tag über tabu; dabei lief die Rede im Staatsfernsehen sogar als Live-Auftritt. Doch die Kamera klammerte sich während der kurzen Krawallszene geradezu an den Ministerpräsidenten, um den Vorfall nicht zeigen zu müssen. Und so sah der Fernsehzuschauer in China vom fliegenden Schuh keine Spur. Der „Zwischenfall“ war nur als ein Poltern im Hintergrund der Bühne zu vernehmen.

Der lautstarke Protest des Kritikers war zuvor schnell ausgeblendet worden. Chinas Zensoren müssen seit einiger Zeit echte Fingerfertigkeit beweisen. Wurden früher in China sogenannte Live-Übertragungen, etwa bei den Starts der Mondraketen, um ein oder zwei Minuten verspätet ausgestrahlt, um bei Zwischenfällen jederzeit abschalten zu können, verzichtet Peking nun auf diesen medialen Zeitpuffer. Das hatte schon bei der Antrittsrede von Barack Obama für Kritik gesorgt. Mit schnellen Kameraschwenks und plötzlichem Tonausfall wurde da die Kritik des US-Präsidenten am Kommunismus ausgeblendet. Und in den Zeitungen wurde die Obama-Rede am Folgetag ohne diese Passagen abgedruckt.

Die Rede von Wen Jiabao wurde dagegen gestern in voller Länge veröffentlicht, ohne jedoch den demütigenden Zwischenfall zu erwähnen. Über das Internet verbreitete sich die Attacke dennoch schnell, obwohl die Internetpolizei der Volksrepublik alles unternahm, dies zu verhindern. Online-Kommentare zu dem Thema seien rasch gelöscht worden, hieß es. Bei der populärsten chinesischen Suchmaschine Baidu gab es keinen Hinweis auf den Zwischenfall.

Vor zwei Monaten war das alles ganz anders. Als der Schuh im Irak auf George W. Bush geschleudert wurde, bejubelten viele Chinesen diese Tat im Internet als „heroisch“, der Film im Internet wurde in China zum Hit. Damals hatte das Außenministerium den Schuhwurf sogar erstaunlich humorvoll kommentiert. Der damalige Sprecher Liu Jianchao gab Bush auf einer Pressekonferenz den Ratschlag: „Man sollte nicht nur auf jene achten, die ihre Hand heben, sondern auch auf die, die ihre Schnürsenkel aufschnüren.“

Dieser Humor war Ministeriumssprecherin Jiang Yu gestern jedoch vergangen. Sie verteidigte kühl die Reaktion Pekings auf das „verabscheuungswürdige Verhalten“ des Täters in Cambridge als angemessen. Schuh ist in China eben nicht gleich Schuh. Und live ist eben nicht live.

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