Votum über Unabhängigkeit
Die Schotten leiden am Thatcher-Komplex

Sie halten sich für sozial gerechter und egalitärer als Engländer. Auch deshalb wollen die Schotten ihren eigenen Staat. Doch die alte Hassliebe zum Erzfeind England hat noch einen anderen Grund.
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LondonGary Scott wird wütend, wenn Alex Salmond über soziale Gerechtigkeit spricht. „Er ist ein Fantast“, sagt er über den Nationalistenchef, der die Einnahmen aus dem Geschäft mit dem Nordsee-Öl so verteilen will, „dass alle profitieren“ und gerne von einer „schottischen Sozialdemokratie“ und „schottischen Werten“ spricht – womit er die Schotten nicht nur in einen scharfen Gegensatz zu den „englischen Tories“ stellt, sondern gleichzeitig Anhänger der schottischen Labourpartei, denen Patriotismus und Nationalstolz allein nicht reichen würden, für das neue Schottland begeistern will.

Und genau das ärgert Gary, einen Labouranhänger. „Sie tun so, als ob wir Schotten die soziale Gerechtigkeit erfunden hätten. Als gäbe es in Schottland nur wegen der Tories Arme, als sei den Engländern soziale Gerechtigkeit nicht genau so wichtig wie uns.“ Während Gary in Bathgate, im Herzen Schottland zwischen Glasgow und Edinburgh von Tür zu Tür geht und die Menschen auffordert, im Referendum mit „Nein“ zu stimmen, erzählt er von seiner Tochter. „Sie machte ein Plakat mit der Aufschrift: „Armut endet nicht in Berwick“ – der, von Schottland ausgesehen, ersten Stadt im „ausländischen“ England. „Aber die Nationalisten haben es zerfetzt.“

Am Donnerstag stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit des Landes ab, sollte es zu einer Spaltung des Vereinigten Königreichs kommen, wird die Verantwortung wohl vor allem zwei Politikern zugeschoben werden. Alexander Salmond, Schottlands Regierungschef, der mit brillantem Geschick alle Chancen nutze, um die Unzufriedenheit der Schotten mit Englands Politik zu schüren und seine Abspaltungspolitik zu schärfen. Und Margaret Thatcher.

Ex-Premierministerin Thatcher wurde mit ihrer radikale Reformpolitik in den Achtziger Jahre der Buhmann für Schottland. Seitdem bündeln sich in ihr und ihrer Partei alle Ressentiments, die Schottland durch die Jahrhunderte gegen den alten Erzfeind hat. Schottland hatte lange vor Thatcher mit seiner Deindustrialisierung zu kämpfen. Die Nationalistenpartei SNP formulierte ihren Anspruch auf schottische Unabhängigkeit schon in den frühen 1970er Jahren nach der Entdeckung von Nordseeöl mit dem Slogan „Das Öl gehört uns“. Aber seit den Achtzigerjahren können Schotten alle Missstände in ihrem Land auf Thatchers rigorose Schließung von defizitären Fabriken und Werften und die Reformen schieben, die gewachsene Strukturen zerstörten.

Kommentare zu " Votum über Unabhängigkeit: Die Schotten leiden am Thatcher-Komplex"

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  • für Bier und Weißwurst?

  • Was glauben Sie für was ich als Bayer stimme?

  • NEUTRALERWEISE und ohne Wertung muss man dazu jedoch sagen, dass die Engländer ihre Kriege üblicherweise gewonnen haben. Eine Niederlage ist sehr, sehr lange her. Vielleicht rührt daher auch ihr Selbstbewusstsein als Nation.
    Deshalb wäre es natürlich auch besonders schön, wenn eine schottische Unabhängigkeit FRIEDLICH vonstatten ginge...

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