Serie: Mein 11. September
„Wir Grünen hatten keinen leichten Stand“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Grünen-Politiker Beck, dessen Partei damals regierte, erinnert sich noch gut an die Sicherheitsdebatten mit dem Koalitionspartner SPD.
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Unsere Fraktion hatte damals ihre provisorischen Büros in den Backsteinbauten auf der Ostseite der Spree, im ehemaligen Kaiserlichen Patentamt, neben den Studios von RTL. Berlin glich einer einzigen Baustelle mit gigantischer Kran-Sky-Line. Um die Mittagszeit eilte ich zum Shuttle-Bus, der mich in Richtung Plenum bringen sollte. Auf dem Weg aus der Tür rief meine Sekretärin hinterher, es sei gerade ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Ich dachte zuerst an eine Cessna und einen unvernünftigen Piloten, der zwischen den Türmen ein waghalsiges Manöver gemacht hatte.

Ich eilte weiter zu meinem Termin. Mit der SPD hatten wir einen der vielen Verhandlungstermine in der Parlamentarischen Gesellschaft - gegenüber dem Reichstagsgebäude. Überall liefen die Fernseher und wir sahen die Bilder des brennenden Turms und wie die zweite Passagiermaschine in den Südturm einschlug. Wenig später brachen beide Türme in einer Angst erregenden Wolke in sich zusammen.

Schock. Stille. Langsam bekamen wir Gewissheit darüber, dass das kein Zufall sein konnte. Es war ein terroristischer Massenmord vor laufenden Kameras. Ein schrecklicher Anschlag auf unsere Freiheit.

Die folgenden Stunden, Tage und Wochen läuteten eine neue politische Ära ein. Außer Frage stand unsere Solidarität mit unseren amerikanischen Freundinnen und Freunden. Zudem kam eine Terrorzelle aus Hamburg. Wie konnte das geschehen?

Neben den schwierigen Debatten in meiner Partei über den bald darauf beginnenden Afghanistan-Krieg verbrachte ich nun meine Tage und Nächte als rechtspolitischer Sprecher der Grünen in Verhandlungsrunden. Schilys „Otto-Katalog“ lag auf dem Tisch und unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung wollte man das Zuwanderungsrecht auf seine Gefahrenabwehrelemente zurechtstutzen. Eine Kultur des Misstrauens zog ein.

Wir hatten keinen leichten Stand. Trotzdem haben wir dafür gesorgt, dass Maß gehalten wurde und im Zuwanderungsrecht der eine oder andere Fortschritt erreicht werden konnte. Vieles von unseren Verfahrenssicherungen und Hürden für die neuen Sicherheitskompetenzen wurden mit dem Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz eingerissen. Heute leben wir damit. Uns bleibt nichts anderes übrig.

Ob die Welt dadurch sicherer geworden und welche Gesetze über das Ziel hinausgeschossen sind, wird leider nicht hinterfragt. Und die Wunden dieser schrecklichen Katastrophe sind inzwischen vernarbt. 3000 Menschen starben an diesem Nachmittag. Die Erinnerung wird ewig bleiben.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

Kommentare zu " Serie: Mein 11. September: „Wir Grünen hatten keinen leichten Stand“"

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  • Hehe. Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund :D

  • Naja, nun heul man net so

    Kein dt. Außenminister hat so viele dt. Soldaten in den ausländischen Tod geschickt, wie Herr Fischer.

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