Sierens Welt
Die Schweine der Globalisierung

Dass die Welt vor China zittert, sagt weniger über den Zustand Chinas, als es auf den ersten Blick erscheint, meint unser Kolumnist Frank Sieren.
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China hat plötzlich Licht im globalen Schweinestall gemacht. Manche der überzüchteten Schweine sind dabei vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Aber sie haben sich schnell wieder berappelt: Es war nur das Licht und nicht der Schlachter.

So etwa verhielt es sich diese Woche mit den Weltfinanzmärkten. Das China-Licht war eine Mischung aus drei Warnsignalen: 1. Die Abwertung des Yuan: Peking will nicht mehr den Kopf für die Welt hinhalten sondern wird auch abwerten, wenn es nötig ist. 2. Chinas Börsentollhaus: Peking kriegt seine Zocker nicht unter Kontrolle. 3. Die schwächelnde Wirtschaft: Eine Krise ist es nicht. Eine Rezession nicht in Sicht. Doch der heiße Sommer ist erst einmal vorbei.

Geblendet von den Lichtsignalen, sollten wir allerdings die Frage nicht vergessen, warum die Schweine der Globalisierung so nervös sind. Die Antwort: Sie haben zu schnell zu viel billiges Geld gefressen. Das und nicht so sehr China ist das eigentliche Problem. Die deutschen Unternehmer und Manager haben dies erkannt. Und deshalb hat sich der Ifo-Index trotz des China-Krisen-Geschreis nicht eingetrübt und die Kurse haben sich bereits erholt.

Anderswo ist es viel Schlimmer: Fast ganz Südamerika fällt aus. Brasiliens Wirtschaft wird in diesem Jahr voraussichtlich über zwei Prozent weniger wachsen, bei einer Inflation von fast 10 Prozent. Russland ist auf den Knien. Japan steckt in der Rezession. Die Euroland-Wirtschaft legte zuletzt um mickrige 0,3 Prozent zu. In Frankreich stagniert die Konjunktur wieder.

Die USA brummen mit 2,3 Prozent auf tönernen Füßen. In dieser Truppe kann China sich sehen lassen, egal, ob es um sieben oder am Ende nur um 6,8 Prozent wächst. Zumal zwei wichtige Werte in Chinas Wirtschaft vielversprechend sind. Seine Dienstleistungsindustrie wuchs im ersten Halbjahr um über acht Prozent deutlich stärker als Produktion und Bau – nicht gerade ein Zeichen für große Krisenstimmung im Land. Auch der Arbeitsmarkt zeigt keine Schwächen. Es werden genügend neue Jobs geschaffen.

Die Vergleiche mit der Asienkrise, die im Laufe der Woche zu lesen waren, sind also Quatsch. Nicht nur, weil China noch relativ robust ist, sondern auch, weil Peking vorsichtig geblieben ist. Die Asienkrise 1997 ist entstanden, weil sich vor allem Thailand und Südkorea im Ausland in US-Dollar verschuldet und ausländischen Gläubigern zu viel versprochen hatten.

Als die den Versprechen nicht mehr geglaubt haben, wollten sie ihr Geld zurück. Der Wechselkurs sackte ab, die Schulden wurden teurer, die Gläubiger nervöser, was wiederum den Wechselkurs drückte. Eine Abwärtsspirale. Schon damals konnte China dem enormen Druck in Asien gerade noch widerstehen. Denn Peking hatte fast keine Auslandsschulden und der Yuan war fest an den US-Dollar gebunden.

Daran hat sich die Regierung bis heute eisern gehalten, auch wenn der Yuan kürzlich etwas mehr Spielraum bekommen hat, weil es gerade passte. Zusätzlich hat Peking die Zeit seit 1997 genutzt, um die größten Devisenreserven der Welt anzuhäufen: 3,46 Billionen US-Dollar. Das Sparbuch Chinas. Solange China nicht sein Sparbuch plündert, den Yuan nicht zweistellig abwertet und sich in der Not im großen Stil im Ausland verschuldet, um Konjunkturprogramme aufzulegen, ist eine große China-Krise nicht in Sicht. Da können die Schweine der Globalisierung noch so nervös sein.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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  • Noch (sinngemäße) Zitate aus einem renommierten deutschen Börsenbrief (vom 20.8.):

    75 % der chin. Wirtschaftsleistung sind Bau, Infrastruktur und Ausrüstung, diese legten 52% p.a. zu, lediglich 25 % des BIP sind Konsum und Export. Wieviel der Infrastrukturnachfrage echt war ist offen: Strassen ins nichts, leestehende Städte...

    Verschuldung der chin. Wirtschaft von 2007 bis 2014, von 7 Bio. auf 28 Bio $, Schuldenstand damit 282% des BIP. ... Bekannt sind 1,3 Bio Dollarkredite der Unternehmen...

  • Noch was, 2009 gingen nach chin. Angaben 10000e von Fabriken pleite, trotzdem erreichte China seine 10 % Wachstum (Alarmglocke bitte jetzt anschalten!!!) China vergab damals offiziell zur Stützung der Wirtschaft Kredite in der Höhe der halben Wirtschaftsleistung (daher Prachtbauten, Schattenbankenwesen, Kauf deutscher Autos, ...) Und jetzt rechnen Sie mal nach, wenn das Spielchen weitergelaufen ist, wo die chinesische Wirtschaftsleistung dann heute nach reeller Einschätzung liegen dürfte...

  • Hallo Herr Sieren,

    ich denke Sie haben da ein falsches Bild. Der Schreck war nicht, ob China ein wenig mehr oder weniger wächst. Es geht klar darum, ob hinter den 7% Wachstum mehr steckt, als reine Propaganda.

    Sie meinen China hat sich nicht in Dollar verschuldet? Bitte lesen Sie doch einmal die Artikel ihres Vorgängers Finn Mayer-Kukuck hier. Da gab es solche Dinge wie gefälschte Exportrechnungen um versteckt Geld zu importieren. Wenn Sie dann die dort genannten Zahlen mit einem Wirkungsgrad der chin. Zollbehörden einrechnen (man findet nie alles), dann ist der chin. Exportüberschuss schon komplett weg! Der dort beschriebene Effekt, hätte 1 Jahr lang die chin. Statistiken und zu schlechten Zahlen führen müssen. Das trat aber nicht auf: ergo, die Zahlen sind auch noch gefälscht!
    Anfang des Jahres, China berichtet über schleppenden Export, nur eine Region der Welt hätte das ausgeglichen: die EU hätte 20% mehr aus China importiert!!! Ups, da hat Herr Draghi aber einen Wirtschaftsboom übersehen??? Also: wieder Fälschung!
    Wollen wir weiter machen? Die Beispiele sind zahlreich. Unterm Strich bleibt stehen, dass alle, die die Regierung kontrollieren kann, super aussehen, die anderen nicht! Dienstleistungen!, Natürlich, inwzischen haben nämlich die anderen Länder und die Presse angefangen, die Zahlen auf der anderen Seite querzuchecken, z.B. Hafenfrachtraten...) Und genau dann macht es plötzlich wumm und Dienstleistungen in der Höhe erscheinen, damit die Regierung punktgenau ihre Wachstumsprognose erreicht! Was muss denn passieren, dass Sie misstrauisch werden?

    Übrigens, die 3,4 Billionen Reserven, stehen 28 Bill. Schulden der (Staats-)Wirtschaft gegenüber! Wenn deren Geschäftsmodell aber nur das gedruckte Geld verbraten ist (mit dem auch die deutschen Autos seit ein paar Jahren gekauft werden), und Parteikaderversorgung, dann können Sie die Größe der Problematik mal abschätzen.

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