Skandal-Video
Überforderte Marines stellen Amerika bloß

Washington ist entsetzt über das Skandal-Video, das GIs zeigt, wie sie auf getötete Taliban urinieren. Warum hat das Militär seine Soldaten nicht im Griff? Psychologen erklären, wie es zu solchen Taten kommen kann.
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WashingtonDie Reaktionen kamen prompt, und sie waren deutlich. „Absolut unvereinbar mit amerikanischen Werten“ sei die Tat, findet US-Außenministerin Hillary Clinton. „Ich bin extrem beunruhigt“, sagte Verteidigungsminister Leon Panetta. Er habe Afghanistans Präsident Hamid Karsai persönlich sein „tiefstes Bedauern“ mitgeteilt.

Der Oberbefehlshaber der Marineinfanteristen, Vier-Sterne-General James Amos, erklärte, er werde „nicht ruhen, bis die Vorwürfe und die damit verbundenen Geschehnisse aufgeklärt“ seien. Er hat Drei-Sterne-General Thomas Waldhauser als Leiter einer Sonderermittlung eingesetzt. Waldhauser könne „alle notwendigen Untersuchungen und alle notwendig daraus folgenden Verwaltungs- und Disziplinarmaßnahmen“ einleiten.

Der bei Youtube aufgetauchte Clip, der US-Marines in Afghanistan dabei zeigt, wie sie auf die Leichen mutmaßlicher Taliban-Kämpfer urinieren und Witze reißen, wühlt Washington auf. Noch ist nicht absehbar, welche Folgen das Video haben wird, doch die US-Regierung beeilt sich, den Schaden einzugrenzen.

Nach Abu Ghreib und Berichten über Vergewaltigungen und gezielter Ermordung von Zivilisten hat es die Armee wieder einmal mit Verfehlungen in den eigenen Reihen zu tun. Offenbar kann sie nicht verhindern, dass sich Soldaten im Feld immer wieder zu solchen Taten hinreißen lassen.

Experten versuchen, solche Verfehlungen zu erklären. „Das können Scherzbolde mit einem extrem schlechten Geschmack sein – oder es handelt sich um ein tiefer gehendes Problem“, sagte Eugenia Weiss, Militärpsychologin an der University of Southern California.

Manche Kämpfer gerade in Gebieten wie Afghanistan könnten nicht mit dem hohen Stress- und Adrenalinpegel umgehen. „Man muss ständig extrem aufmerksam sein“, sagte Weiss dem Sender MSNBC. Der Feind sei unbekannt, jeder auf der Straße könne eine Bombe mit sich tragen, und für die Soldaten gebe es keinen sicheren Rückzugsort. „Das schafft Unsicherheit. Und je größer die Unsicherheit, desto größer der Stress“, so die Psychologin, die in ihrer Praxis nahe Camp Pendelton Marines behandelt.

Auf den getöteten Feind zu urinieren könne deshalb eine Art Bewältigungsmechanismus sein, oder auch ein Akt von Rache: „Viele Soldaten haben Kameraden verloren“. Dazu komme eine fehlgeleitete Gruppendynamik, die unter Menschen aufkommen könne, die gemeinsam Gefechte durchstehen.

Der Psychologe Richard Ogle von der University of North Carolina Wilmington drückte es so aus: „Im Gefecht zu sein birgt das Risiko Dinge zu tun, die man in anderen Situationen niemals tun würde“. Das habe es schon immer gegeben. Der alltägliche Horror des Krieges.

Kommentare zu " Skandal-Video: Überforderte Marines stellen Amerika bloß"

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  • Solche Vorkommnisse sind der Alltag im Krieg. Nur werden üblicherweise keine Videos aufgenommen, geschweige denn veröffentlicht.

    Krieg ist millionenfach ekliger und abstoßender, als man gemeinhin denkt.

  • Wir Deutschen sind doch an Dummheit sowieso nicht mehr zu überbieten. Wir haben eine riesige Rüstungsindustrie. Wir exportieren überall unsere Waffen. Millionen Menschen verrecken durch diese Waffen. Aber wir schicken kein Gift für die Todesspritze nach Amerika. "Todesstrafe ist doch unmenschlich." Wir helfen in Afghanistan mit so zu tun, als könnte man dort so eine Art Demokratie einführen. Dafür müssen dann hin und wieder ein paar Talibans abgeknallt werden. Dort werden Soldaten hingeschickt, die durch das täglich gesehene einfach abgestumpft sein müssen. Dort grinst dich ein Taliban an und ballert dir eine Kugel ins Gehirn. Wenn du Glück hast kommst du nur ein wenig verstümmelt nachhause. Und weil da in Afghanistan kein richtiger Krieg ist, sondern nur ein "kriegsähnlicher Zustand" bekommst du dann hier keine finanzielle Unterstützung, wenn du nervlich so fertig bist, dass du nicht mehr arbeiten kannst. Du hörst dir die verlogenen Politikerreden mit künstlich aufgesetzter Trauermiene an, wenn die Kameraden in Kisten nachhause geschickt werden. Und da regen sich doch tatsächlich welche darüber auf, dass dort ein paar Soldaten auf ein paar zur Strecke gebrachte Talibans ihre Verachtung markieren. In was für einer verlogenen Dreckswelt leben wir eigentlich?

  • Wenn man im US-Internet die Kommentare des Durchschnitts-Amis liest, stößt man überwiegend auf zustimmende.
    Die Amis gehen mit diesem "Problem" einfacher um.
    Die Taliban sind für die wie andere Terroristen.
    Also, was soll es; gehen wir zur Tagesordnung über.
    Das zur Schau gestellte Entsetzen der Politiker ist sowieso nur geheuchelt.

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