Soldaten haben Frust
Zweifel an Bushs Irak-Politik wachsen

Unter den US-Soldaten im Irak macht sich zunehmend Frust breit. „Als Peacekeeper bieten wir eine riesige Angriffsfläche“, sagt ein Offizier. „Trotz der kugelsicheren Westen und Helme: Wir können gegen die Iraker, die uns töten wollen, relativ wenig ausrichten.“ Und der 22-jährige Justin Keeney klagt: „Jetzt, wo der heiße Krieg praktisch vorüber ist, werden wir mehr getroffen als vorher.“

WASHINGTON. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die amerikanische Besatzungs-Armee von Heckenschützen attackiert wird. Fast 30 Soldaten wurden seit dem 1. Mai getötet, als Präsident George W. Bush die „größten Kampfhandlungen“ für beendet erklärt hat. Auch für das Pentagon ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht: „Es wird mehr Gewalt und mehr Rückschläge geben“, versucht Pressesprecher Lawrence Di Rita Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber Saddam Husseins Regime ist gestürzt und wird nie wieder zurückkommen.“ Experten warnen allerdings vor einer Bagatellisierung der Probleme: „Es handelt sich um einen Guerilla-Krieg – noch nicht besonders organisiert, aber die Widerständler haben ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Methoden“, betont Michael O'Hanlon von der Brookings Institution, einer liberalen Denkfabrik in Washington. Alleine wurden sieben US-Soldaten nach Angaben des TV-Senders El Dschasira im Irak verwundet worden, Grund waren eine Bombe, eine Mine und ein Granatwerfer-Angriff.

Langsam sickert in den USA die Erkenntnis durch, dass die Demokratisierung des Iraks ein langes, mühsames und möglicherweise verlustreiches Geschäft ist. Auch Bushs außenpolitisches Image könnte darunter leiden. Die Regierung musste nun erstmals einräumen, dass sich der Präsident bei seiner Rede zur Lage der Nation am 28. Januar auf falsche Informationen berief: Das Dossier des britischen Geheimdienstes, wonach der Irak im Niger Uran für sein Atomwaffen-Programm kaufen wollte, war frisiert. Die Internationale Atomenergie-Behörde hatte noch im März auf die mangelnde Substanz der Geheimdienst-Dokumente hingewiesen – trotzdem begann Bush am 20. März den Angriff auf den Irak. Auch die Zweifel des CIA-Emissärs und ehemaligen US- Botschafters in Gabun, Joseph Wilson, der den Niger-Deal als höchst unwahrscheinlich bezeichnet hatte, wurden nicht beachtet.

Ein kürzlich aufgetauchtes Tonband mit der Stimme Saddams, das vom CIA als authentisch eingestuft wurde, trägt zusätzlich zur Verunsicherung im Irak bei. Angesichts der wenig kalkulierbaren Lage wird die US-Opposition immer mutiger, Bush an den Karren zu fahren. So warf der demokratische Senator Carl Levin der Administration vor, „die Verbündeten beim Wiederaufbau des Iraks ohne Not verprellt zu haben“. Und der demokratische Präsidentschafts-Kandidat Joseph Lieberman kreidete dem Präsidenten an, die US-Truppen für „diese Art von Peacekeeping-Einsatz weder operativ noch psychologisch“ vorbereitet zu haben. Je länger sich der Kleinkrieg im Irak hinzieht, desto mehr muss Bush mit der Eröffnung einer außenpolitischen Front im Wahlkampf rechnen.

Rund 150 000 Soldaten haben die Amerikaner derzeit im Irak stationiert. Hinzu kommen noch einmal 12 000 Briten, Australier und Polen. Bis Ende September soll das Kontingent um 20 000 Mann aufgestockt werden. Doch von den insgesamt 70 befragten Ländern haben sich bis-lang nur zehn Staaten für einen Einsatz bereit erklärt. Anthony Cordesman vom Institut für Internationale Strategische Studien zieht eine nüchterne Bilanz: „Zwei Monate nach einem großen militärischen Sieg haben die USA und ihre Verbündeten viel zu wenig getan, um den Frieden zu gewinnen.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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