Sorge über Leistungsbilanzdefizit
Türkei streicht Quellensteuer für Ausländer

Die türkische Regierung will die umstrittene Quellensteuer auf Wertpapiergewinne für nicht in der Türkei ansässige Anleger wieder abschaffen, um ausländisches Kapital anzulocken.

ISTANBUL. Das Parlament werde die Änderung noch vor der Sommerpause Anfang Juli verabschieden, kündigte Finanzminister Kemal Unakitan an. Die erst zu Jahresbeginn eingeführte Steuer belastet Veräußerungsgewinne von Dividendenpapieren und Bond-Renditen mit 15 Prozent. Wegen des Verwaltungsaufwandes beim Eintreiben der Steuer hatten die deutschen Börsen zu Jahresbeginn den Handel mit türkischen Aktien und Bonds fast vollständig eingestellt. Deutsche Privatanleger mussten seither zu Fonds greifen oder – zu deutlich höheren Gebühren – direkt an der Istanbuler Börse ordern.

Die türkischen Finanzmärkte haben in den vergangenen Wochen stärker als andere Schwellenmärkte unter Kapitalabflüssen gelitten. Seit Anfang Mai gab der Istanbuler Aktienindex um 23 Prozent nach, die Lira verlor gegenüber dem Dollar fast 24 Prozent. Neben steigenden Zinsen in den USA und der Eurozone belasteten die wieder anziehende Inflation, Sorgen über das ausufernde Leistungsbilanzdefizit, politische Querelen bei den EU-Beitrittsverhandlungen und wachsende innenpolitische Spannungen die Märkte. Analysten sehen in der Quellensteuer einen weiteren Faktor für den Exodus der Anleger. Die Entscheidung der Regierung zeige, dass sie die Marktsituation verstehe, kommentiert Mahmut Kaya, Analyst beim Istanbuler Brokerhaus Garanti Securities. Die Steuer sei zwar nicht die Hauptursache für die jüngste Marktschwäche, ihre Abschaffung werde sich aber positiv auswirken.

Die Lira reagierte auf die Ankündigung des Finanzministers mit einem Kursgewinn von zwei Prozent, auch die Aktienkurse legten kurzzeitig zu. Dann gerieten Währung und Wertpapiere wieder in den Sog von Inflationsangst und Zinssorgen. Am Freitag intervenierte die Zentralbank mit Stützungskäufen, am Sonntag erhöhte sie in einer Notsitzung den Leitzins um 2,25 Prozentpunkte auf 17,25 Prozent.

Die wenigsten Beobachter glauben, dass die Steuer-Streichung allein die türkischen Märkte wieder beflügeln wird. „So lange sich das breitere Marktbild nicht aufhellt und die politischen Sorgen ausgeräumt werden, dürfte dies allein die Märkte kaum drehen“, sagte Tim Ash von Bear Stearns International. In der Türkei ansässige Anleger müssen die Quellensteuer ohnehin weiter entrichten, sie soll aber von 15 auf 10 Prozent gesenkt werden. In dieser Ungleichbehandlung sehen manche Analysten ein Risiko: Es sei denkbar, dass Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer die Abschaffung der Ausländersteuer mit einem Veto verzögere oder das Verfassungsgericht anrufe, meint Tevfik Aksoy, Türkei-Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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