Staatsbesuch in Algerien
Hollande nennt Kolonialzeit in Algerien „ungerecht und brutal“

Die Vergangenheit ruhen lassen und dafür die Zusammenarbeit forcieren: Das ist der Kurs beim ersten Staatsbesuch des französischen Präsidenten Francois Hollande in Algerien. Die frühere Kolonie scheint dazu bereit.
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Algier
Frankreichs Präsident François Hollande hat die französische Kolonialzeit in Algerien als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt. Bei seinem Staatsbesuch in Algier sagte Hollande am Donnerstag vor den beiden Kammern des algerischen Parlaments: „Ich erkenne hier die Leiden an, die die Kolonialisierung dem algerischen Volk zugefügt hat.“ Eine Entschuldigung für französische Verbrechen, wie dies von Regierungsvertretern und Parteien in Algerien gefordert worden war, sprach der Sozialist aber erneut nicht aus.

Hollande, der seinen Staatsbesuch am Mittwoch begonnen hatte, hatte schon zum Auftakt der Reise deutlich gemacht, dass er in Algerien weder eine Entschuldigung noch Reue wegen der Kolonialzeit zum Ausdruck bringen werde. Er forderte stattdessen die „Bereitschaft, uns nicht von der Vergangenheit blockieren zu lassen, sondern an der Zukunft zu arbeiten“.

Auch vor den beiden Parlamentskammern brachte er seinen Wunsch zum Ausdruck, „ein neues Kapitel“ in den französisch-algerischen Beziehungen aufzuschlagen. Grundlage dafür müsse es sein, die „Wahrheit“ auszusprechen. Dazu gehöre die Anerkennung von „Ungerechtigkeiten“, „Massakern“ und „Folter“.

Der französische Präsident kündigte zugleich an, dass er sich für Visa-Erleichterungen für algerische Studenten, Unternehmer, Künstler oder Familienangehörige einsetzen werde. Zugleich regte er eine Art Studentenaustausch-System für die Mittelmeer-Nachbarn nach dem europäischen Erasmus-Modell an.

Hollande, der von einer großen Delegation mit Ministerin und Unternehmern begleitet wurde, war am Mittwoch vom algerischen Staatschef Abdelaziz Bouteflika empfangen worden. Während des zweitägigen Besuchs wurden mehrere Abkommen geschlossen. So wird der französische Autobauer Renault ein Montagewerk in Westalgerien bauen.

Algerien hatte im Juli 1962 nach 132 Jahren unter französischer Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit erklärt. Vorausgegangen war ein achtjähriger Krieg mit der französischen Kolonialmacht.

Ein halbes Jahrhundert nach dem blutigen Unabhängigkeitskrieg wollen Frankreich und Algerien ihre bilateralen Beziehungen endgültig normalisieren. Die beiden Staatschefs François Hollande und Abdelaziz Bouteflika unterzeichneten am Mittwochabend in Algier eine Freundschafts- und Kooperationserklärung. Sie sieht unter anderem eine verstärkte Zusammenarbeit im politischen und wirtschaftlichen Bereich vor.

Der französische Autokonzern Renault hat bereits ein Joint Venture zum Bau eines Werkes in dem größten nordafrikanischen Land angekündigt. Dort sollen jährlich bis zu 75.000 Fahrzeuge hergestellt werden, teilte das Unternehmen am Rande des zweitägigen Staatsbesuchs von Hollande in Algerien mit.

„50 Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens sind Frankreich und Algerien entschlossen, ein neues Kapitel ihrer Beziehungen aufzuschlagen“, heißt es in der Erklärung. Die Konflikte über die Vergangenheitsbewältigung müssten ein Ende habe. Dazu sollen auch intensive Programme zum Jugend- und Kulturaustausch beitragen.

 
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Staatsbesuch in Algerien: Hollande nennt Kolonialzeit in Algerien „ungerecht und brutal“"

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  • Ein wenig Demut tät den Franzosen auch gut.
    Willi Brand hat es vorgemacht!

  • Haben sich die Algerien schon für Verbrechen an den französischen Bürgern dort entschuldigt? Übrigens, die Departements in Algerien waren französisches Staatsgebiet, so wie z.B. Korsika. Militärisch hatten die Franzosen gewonnen, nur ließ sich der Sieg politisch nicht durchsetzen.

  • Die Ausbeutung geht weiter!!Frieden für die Wirtschaft!!

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